Ostern

Auf den Hasen gekommen

Was den Osterhasen angeht, leben wir in einer Zeit der kulturellen Verarmung. Schätzungsweise 90 Prozent des Osterhasenbestandes sind lila oder golden und gehören den Unterarten Milka oder Lindt an. Das wird auch nicht besser dadurch, dass manche jetzt Glöckchen um den eigentlich gar nicht vorhandenen Hals tragen. Glöckchen gehören nicht an einen Osterhasen. Glöckchen gehören an ein Osterlamm.

Aber gut, wir wollen uns darüber nicht beschweren. Immerhin bleiben die Hasen mit dem Gebimmel innerhalb der österlichen Symbolik und in der Ordnung des christlichen Kirchenjahres. Bedenklich würde es erst dann, wenn die Marketingfantasie von Großkonditoreien ihnen güldene Sterne, Tannenzapfen oder Nüsse auf den Staniolbalg drucken ließe. Noch gibt es Grenzen. Aber die Monotonie nimmt zu.

Die Osterhasenernte

Man darf ja heute als pflichtgemäß fortschrittsfroher Zeitgenosse eigentlich nicht sagen, dass früher alles besser war. Wo kämen wir hin, wenn alle immer nur rückwärts schauten. Wohin wir kommen, wenn alle nur vorwärts schauen, ist zwar auch nicht klar. Aber die Blickrichtung gilt als vernünftig. Bei etwas so ganz und gar Unvernünftigem wie dem Osterhasen darf man jedoch einmal eine Ausnahme machen. Schauen wir also zurück in jene Zeit als die goldenen und lila Einheitshasen die Supermarktregale noch nicht erobert hatten. Welche Fülle und Vielfalt offenbarte sich uns da! Wir waren viele Kinder und hatten eine höchst weitläufige Verwandtschaft. Es ist gut, dass Ostern zwei Feiertage hat. Anders wäre die Osterhasenernte wohl kaum einzufahren gewesen. Sechzig bis siebzig Exemplare kamen jedes Jahr zusammen, dazu Körbe von Eiern.

Kaum ein Hase glich dem andern. Es gab solche, die kegelten, sich also auf den Hinterläufen aufrichteten. Andere hockten über einem Nest mit Zuckereiern. Langgestreckt in voller Flucht waren sie in Schokolade gegossen oder als Hasenfamilie mit Vater, Mutter und Hasenkindern. Manche waren glatt. Bei anderen waren die Struktur des Balges und sogar die Schnurrbarthaare kunstvoll aus der Schokolade herausgearbeitet, ja, es will so scheinen als sei ein scharf beobachtender Naturalismus ein vorherrschender Zug der Osterhasenästhetik gewesen. Gemeinsam war den Hasen allerdings die durchsichtige Cellophanverpackung, deren vielversprechendes Knistern heute noch die Speicheldrüsen aktiv werden lässt. Vielleicht hat sie sogar das Schönheitsempfinden nachhaltig geprägt, umgab sie den Schokoladenhohlkörper doch wie eine Aura. Schon das Kind lernte, dass der süße Genuss nicht ohne eine Grenzüberschreitung zu gewinnen war. Es musste die Hülle zerstören, um an den Stoff zu kommen.

Bei uns standen die Osterhasen in Dreierreihen auf dem Klavier. Eine beeindruckende Armee. Täglich wurde ein Hase nach dem Mittagessen geschlachtet bis in den Sommer hinein. Die Qualität der Hasen wurde danach beurteilt, ob die Ohren hohl waren oder nicht beziehungsweise in welchem Grade sie hohl oder aus massiver Schokolade waren. Alle stürzten sich zuerst auf die Ohren. Der Wunschtraum eines ganz und gar massiven Osterhasen blieb lange unerfüllt. Erst die eigenen Kinder bereiteten dem Vater diese unaussprechliche Glückserfahrung. Viele Hohlkörper mussten schmelzen, um den einen zu füllen.

Wenn die Osterhasen verzehrt waren, kamen die Erdbeeren, dann die Kirschen, dann die Frühäpfel, dann die Spätäpfel, und dann war es Zeit für die Treibjagd auf richtige Hasen. Darüber wurde es Weihnachten.

Auch die Qualität der richtigen Hasen ist an den Ohren zu prüfen. Weiche Ohren sind ein Zeichen der Jugend. Außerdem kann man bei jungen Hasen an den Vorderfüßen noch ein Knöchelchen spüren, das sich mit zunehmendem Alter verwächst. Hasenbraten gab es nur sonntags. Am Sonnabend stimmte man sich mit dem "Hasenpfeffer" aus Blut, Innereien, Rippen, Bauchfell und Kopf darauf ein.

Im Unterschied zum Osterhasen ist jedenfalls in kulinarischer Hinsicht die Vielfalt beim Feldhasen gewachsen. Früher hing der Hase bis er grün war in der Scheune, wurde dann scharf gebeizt und in Rotwein geschmort. Heute kann es vorkommen, dass er frisch und mit mediterraner Leichtigkeit kurz gebraten auf den Teller kommt. Man braucht sich diesen Genuss nicht zu versagen und muss auch nicht auf argentinisches Hasenfleisch ungewisser Herkunft ausweichen.

Der Hase kommt in Deutschland zwar nicht mehr in solchen Massen vor wie vor vierzig, fünfzig Jahren. Ans Aussterben denkt er jedoch nicht, und in jüngster Zeit scheint er sich vielerorts wieder zu vermehren.

Symbol des Frühlings

Womit wir bei der sprichwörtlichen Fruchtbarkeit des Hasen wären, die er in der österlichen Feldflur auch schamlos öffentlich zelebriert. Es versteht sich geradezu von selbst, dass er in praktisch allen Kulturkreisen Symbol des Frühlings und Neubeginns ist. Auf immer noch unzulänglich erforschte Weise hat ihm das in Mitteleuropa die Verbindung mit dem Ei eingebracht, das schon viel länger im Zentrum der Osterbräuche steht als der Hase.

Der Hase mit einem Korb voller Eier auf dem Rücken ist ein rechter Sexprotz. Irgendwann geht das auch dem Knaben auf, der undeutlich spürt, dass süßer Schokoladenseim vielleicht doch nicht der Gipfel der Genüsse ist.

Vor ihm liegt nun eine lange Zeit heftiger Gefühlswallungen. Doch immer werden im Hasen begegnen. Wenn der Angsthase endlich einen Betthasen gefunden hat, sind die Osterhasen erst einmal vergessen.

Heute haben die goldenen und lila Einheitshasen die Regale des Supermarkts erobert. Früher gab es viel mehr Varianten