Film

Sei kein Frosch, Prinzessin

John Lasseter gehört zu den ungewöhnlicheren Unternehmenschefs. Zum Beispiel weil man den mächtigsten Mann der Walt Disney Animation Studios fast nur im Hawaiihemd sieht. Meist hat der 52-Jährige das Hemd auch noch passend zum aktuellen Filmprojekt ausgewählt.

"Küss den Frosch", Disneys neuestes Werk, startet am kommenden Donnerstag in den Berliner Kinos. Lasseter stellt den Film in den Firmenstudios in L. A. vor. Er trägt dazu eine gewagte Hemdmusterkombination aus blaugrünem Blattwerk und giftgrünen Krokodilen. Disneys Südstaatenvariante des alten Märchens vom Froschkönig spielt in New Orleans und in den Sumpfwäldern des Mississippideltas.

Der Studioboss möchte beweisen, dass Disney gleichzeitig einen Schritt nach vorn und einen nach hinten machen kann. Der Fortschritt heißt Tiana. Sie ist die Heldin des Films und die erste Prinzessin im Disney-Universum, die beweist, dass sie hold sein und dabei einen Teint schwarz wie Ebenholz haben kann. Der Rückschritt, den Lasseter verkündet, heißt: zurück zum Bleistift! "Küss den Frosch" ist der erste Trickfilm seit fünf Jahren, der wieder vollständig von Hand gezeichnet wurde. "Ich habe nie verstanden, warum die Disney-Studios den klassischen Zeichentrick aufgegeben haben", sagt Lasseter. "Ich hatte das Gefühl, dass die Geschichten schlecht erzählt waren, und die 2-D-Animation wurde dafür zum Sündenbock gemacht."

Die Rückkehr des Zeichentricks

Wer die Disney-Studios im Stadtteil Burbank, hinter den Hügeln Hollywoods, besucht, betritt ein fantastisches Reich. Die Häuser sind nicht mit Säulen, sondern mit den sieben Zwergen verziert. Die Büros der Zeichner wirken wie ein Straßenzug im French Quarter in New Orleans. Der Konferenzraum ist der finsteren Höhle eines Voodoopriesters nachempfunden. Wer hier arbeitet, hat sich einen Kindertraum erfüllt. Mit jedem Schritt spürt man das Gewicht des Erbes und ahnt, wie besonders die Rückkehr zum Zeichentrick für die Animatoren gewesen sein muss.

Lasseter ist ein freundlicher Mann, dem man jede Frage stellen kann. Also dann auch diese: Warum sehen Tianas Eltern ein bisschen so aus wie die Obamas? "Jungs", stöhnt der Studioboss, "glaubt ihr wirklich, ich hatte 'ne Kristallkugel? Das ist ein Zufall. Wir arbeiten seit drei Jahren an dem Film. Da ahnte noch niemand etwas von Obama."

Auch nicht wirklich geahnt haben Tianas Erfinder, dass ihre Figur eine lange bestehende Lücke füllen würde. "Es klänge besser, wenn wir sagen würden, wir hätten uns solche Gedanken gemacht", sagt Ron Clements, einer der beiden Regisseure des Films. "Die Wahrheit ist jedoch: Wir haben uns für eine schwarze Prinzessin entschieden, weil sie am natürlichsten zu New Orleans passt." Dass das Projekt dann doch heikler wurde, als man am Anfang bei Disney glaubte, gibt auch er zu. Tianas Geburt wurde von den Afroamerikanern kritisch beobachtet. Noch nie gab es im Vorfeld so viele Diskussionen über eine Disney-Prinzessin. "Ich hoffe, wir haben ein Rollenmodell abgeliefert, mit dem sich die Zuschauer identifizieren können", sagt John Musker, der zweite Regisseur des Films.

Klingt vertraut nach Yes, We Can

Ein Rollenmodel ist Tiana ganz sicher. Sie sieht nicht nur unverschämt gut aus mit ihren braunen Rehaugen, den vollen Lippen und den schwarzen Locken, die sich um ihre Schläfen kräuseln. Sie wird auch von einem schier übermenschlichen Arbeitsethos angetrieben. Wir begegnen ihr im New Orleans der swingenden Zwanziger. Die junge Frau schuftet gleich in zwei Kellnerjobs und träumt von einem eigenen Restaurant. Dafür spart sie jeden Cent, und das Ziel scheint greifbar nah, als sie die Anzahlung für eine baufällige Zuckermühle zusammengekratzt bekommt. "Ich bin ganz nah dran", singt sie euphorisch (in der deutschen Version übernimmt das Cassandra Steen). Tiana hat gelernt, dass man sich das Glück erarbeiten muss. Das hatte ihr ihr verstorbener Vater mit auf den Weg gegeben: "Wenn du hart genug arbeitest, kannst du alles vollbringen, was du dir vorgenommen hast." Klingt vertraut nach Yes, we can. "Küss den Frosch" will den amerikanischen Traum noch einmal in seiner harmonischen schwarzen Variante erzählen. Und wenn der Film tatsächlich nicht von vornherein als Zeitgeistphänomen angelegt wurde, ist er nun zumindest eines geworden.

Man gönnt der Selfmadewoman Tiana von Herzen, dass sie ihr Ziel schnell erreicht. Doch weil "Küss den Frosch" ein Märchen ist, muss leider erst mal der Prinz auftauchen. In diesem Fall heißt der Blaublütige Naveen von Maldonien (Deutsche Stimme: Roger Cicero). Mittellos kommt der Playboy nach New Orleans und gerät dort in die Fänge des zwielichtigen Voodoopriesters Dr. Facilier, der ihn prompt verzaubert. Fortan darf der Prinz seinen Charme als Frosch mit unkontrollierbarer Kehlblase versprühen. Im Schutz der Nacht hüpft Naveen zum Kostümfest der heiratswütigen Charlotte. Dort trifft er auf Tiana, die zufällig ein Prinzessinnenkostüm trägt. Es kommt, wie es kommen muss: Naveen hält Tiana für eine echte Prinzessin und verlangt den errettenden Kuss. Er bietet ihr sogar Geld, und Tiana lässt sich überreden. Da der Guten jedoch das echte Prinzessinnen-Gen fehlt, geht der magische Schmatz fürchterlich nach hinten los. Aus einem Frosch werden zwei. Rettung kann jetzt nur noch die Voodoozauberin Mama Odie bieten, die in den Sümpfen außerhalb der Stadt lebt. Der Weg zu Mama Odie allerdings ist gefährlich ...

"Küss den Frosch" ist ein witziger und temporeicher Film geworden - eine gekonnt verdrehte Märchenadaption, erzählt im Stil der großen Disney-Musicals. Charmant wirkt zudem die Verbeugung vor den großen Disney-Klassikern "Dschungelbuch", "Bambi" oder "Susi und Strolch". "Der handgezeichnete Trickfilm ist eine wunderbare Kunstform", sagt Lasseter. "Ich glaube, dass die Menschen solche Filme noch lange sehen wollen."