Auszeichnung

Yto Barrada ist Künstlerin des Jahres 2011

Prominenteren künstlerischen Beistand hätte die marokkanische Künstlerin Yto Barrada gar nicht haben können. Zur Eröffnung ihrer Ausstellung "Riffs" im Guggenheim Unter den Linden diskutierten Okwui Enwezor und Catherine David, zwei ehemalige Documenta-Leiter, mit der 39-jährigen "Künstlerin des Jahres", die eine Jury für die Deutsche Bank ausgewählt hat.

Barradas Wahl kommt nicht von ungefähr, sie trifft den Nerv der Zeit mit ihren Filmen, Fotografien und Skulpturen, die ihr Heimatland Marokko in den Fokus nehmen. Nach der Kenianerin Wangechi Mutu im letzten Jahr ist Barrada erneut eine Künstlerin, die sich mit aktuellen (politischen) Entwicklungen auseinandersetzt.

Sie thematisiert in ihren Werken den Umbruch, der sich derzeit in vielen Ländern Nordafrikas vollzieht und deren Lage angespannt bis dramatisch ist. Sie ist ein Seismograph einer Generation, die sich nach Wohlstand und Arbeit, vor allem aber nach Freiheit sehnt. "Ich bin kein Exot, ich bin erschöpft" heißt es da in einem Satz an der Wand. Vom Mythos Afrika bleibt nicht viel.

Barrada, auch wenn sie bereits an der Biennale Venedig teilgenommen hat, war bislang nur in Kunstkreisen bekannt. Sie wuchs privilegiert auf, konnte ein- und ausreisen, wo ihre Landsleute keine Wahl hatten, sie pendelte zwischen Tanger und Paris, wo sie Politologie und Geschichte studierte, um sich später am International Center of Photography in New York einzuschreiben. Mittlerweile lebt sie mit Mann und Kind wieder in Tanger. In diesem "kulturellen Niemandsland" gründete sie die Cinémathèque mit einem anspruchsvollen Programm. So gesehen ist Barrada eine Allround-Kultur-Produzentin, wie ihre Galeristin Andrée Sfeir-Semler sie bezeichnet. Dabei haben ihre Fotografien einen stark dokumentarischen, ja, zumindest wirkt es so für den Westler, pädagogischen Anspruch. Doch das hört Barrada nicht gern, weil ihre Arbeiten doch Prüfstein für das Selbstverständnis einer freien Kunst sind. Da gibt es eine Weltkarte aus Holzteilen, deren Kontinente verschiebbar sind wie Figuren in einem Gesellschaftsspiel. In unspektakulären Fotoszenerien zeigt sie Menschen in der Warteschlange des Lebens - in den Straßen lungern Jugendliche an Betonfassaden, die in ihren Jeans und schwarzen Lederjacken alle gleich aussehen. Hier unterscheiden sich die Bilder aus Tanger manchmal kaum von Straßenszenen in Berlin.

Deutsche Guggenheim , Unter den Linden 13-15, Mitte. Mitte. Tel. 20 20 930. Bis 19. Juni. Tägl., 10-20 Uhr. Katalog: 35 Euro.