Theater

Das hat Walhalla nicht verdient

Das Schiller-Theater liebt Wagner. Es stellt sich akustisch der "Walküre" nicht in den Weg. Barenboim, vielstündig am Pult der Staatskapelle, nachdem er am Vorabend gerade "Wozzeck" dirigiert hatte, lässt von Anfang an die Aufführung hochdramatisch aufrauschen. Er ist am Pult eine Kraftnatur, die sich vor keiner Steigerung drückt.

Noch in den populären "Walkürenritt" jubelt er selbst nach vier Stunden noch mit unerschöpfter Frische hinein. Er trägt offenkundig das gute, alte Dynamit im Blut, das nun einmal bei Wagner-Aufführungen unentbehrlich ist.

Musikalisch hält die Aufführung, was sie von Anfang versprach: eine Festtagsereignis zu werden. Das ist immer leichter gesagt als getan, zumal bei einem derart populären Werk. "Die Walküre" hat schließlich schon bei der Erstauslobung auf der Opernbühne den "Ersten Preis" unter den vier Werken der Tetralogie Wagners gewonnen. Und dabei ist es geblieben. Je gradliniger man sie der Tradition nachbetet, desto besser. Das ist zumindest die Ansicht der Herkömmlichkeit.

Mit ihr aber hat das von Guy Cassiers gelenkte Bühnengeschehen wenig zu tun. Sie erhebt sich weit über das Altbekannte. Sie dichtet vor sich hin und dies auf technisch fortschrittlichste Weise. Projektionen haben das große Wort. Sie weben und wirken unaufhörlich und mit den überraschendsten Effekten mit. Schlanke Bäume wachsen im Handumdrehen aus Himmelshöhen auf die Bühne herab und schließen sich zu einem undurchdringlichen Wald zusammen, der vor wechselnder Buntheit strotzt. Außerdem gibt es einen rotierenden Mond, der sich auch als Sonne vorstellen lässt. Sie kreiseln immerfort um sich selbst und machen den zeitweilig vor sich hin monologisierenden Handlungsablauf lebendig. Sie bringen Leben in die Götterbude, in der es anscheinend sonst vor Langweile qualmt.

Stets überraschende Bühnenbilder

Es geht immer delikat zu in diesem "Ring", der weniger von einem Mann namens Wagner konzipiert scheint als von einem genialischen Dekorateur, der nicht nur die Erde, auch den Himmel zu bevölkern weiß, wenn die Götter wieder einmal fern von zuhaus abenteuern. Dann bevölkert sich der Himmel mit nackten Leibern in vagen, doch rätselhaft attraktiven Verstrickungen. Ein Tänzerpaar mischt sich leibhaftig unter das turbulente Treiben, das man bislang eher ahnungslos Walkürenritt nannte. Hier reitet am nächtlichen Himmel offenbar jede mit jedem.

Der großangelegte Berliner "Ring"-Zyklus wird in Gemeinschaft mit der Mailänder Scala erarbeitet. Die szenische Leitung liegt in den experimentierfreudigen Händen von Guy Cassiers, der gemeinsam mit Enrico Bagnoli auch die immer wieder überraschenden Bühnenbilder entwickelt. In Hundings Hütte blenden sie als Projektion klassizistischen Wohnkonform ein. Behaglich flackert das Feuer im Kamin. Nur passt der ungeliebte Hunding nicht hinein ins Behagen. Haus und Hof sind offenbar einzig Sieglindens eigen, einschließlich des Wunderbaums, in den Wotan sein Schwert versenkt hat, auf dass es sein Sohn eines Tages fände.

Sieglinde wird zur idealen Wächterin über das unglückliche Geschehen, dem sie als allererste zum Opfer fällt. Das ist doppelt und dreifach schade. Denn Anja Kampe erweist sich als wahrhaft genialische Interpretin, die feinste jedenfalls, die diese Aufführung zu bieten hat. Sie singt die vielgeliebte Partie mit wundervoll ausgeglichener Stimme, bald lyrisch bewegt, bald hochdramatisch angriffsfroh. Ihr Singen ist durchgehend auf den Idealklang geeicht. Das hört man selten.

Simon O'Neill ist Siegmund, ihr flüchtender Zwillingsbruder, der Mann mit der kräftigen Hand, Schwerter aus Bäumen zu reißen. Dieser Siegmund aber kann noch weit mehr. Es gelingt ihm mit seinen unglaublich langanhaltenden "Wälse"Rufen, selbst Barenboim und die Staatskapelle sekundenlang stoppen zu lassen.

Der Auftakt der Aufführung ist vollkommen. Nur hält sie über die Stunden hin nicht, was sie verspricht. Sie verdämmert allmählich, sie verliert an Schneid. Die Dekorateure werden auf immer undurchschaubarere Art abenteuerlustig, bis sie am Ende Brünnhilde unter roten Glühlampen, die Wasser tröpfeln, zur Ruhe betten. Irène Theorin, ihre Darstellerin, hat durchaus Besseres verdient. Sie besitzt einen forschen, durchdringenden hochdramatischen Sopran, der das Geschehen ringsum zu kommandieren versteht. Lieblichere Klänge sind ihr indes kaum zu entlocken. Mit Lyrik steht sie offenkundig auf dem Kriegsfuß. Doch sonst kann sie mit ihrer wohllautenden Stimmkraft Eindruck zu machen. Den ersingt sich allerdings auch ihre Gegenspielerin Fricka, verkörpert von Ekaterina Gubanova, ein Mezzosopran der Sonderklasse.

René Pape enttäuscht als Wotan

Sie und Brünnhilde wischen den Jubel und Trubel der übrigen Walküren ganz einfach fort. Dass diese "Walküre" nicht richtig zu zünden versteht, dabei ist sie doch das populärste Werk des "Nibelungen-Rings", hat leider René Pape auf seine Wotansschulter zu nehmen. Dabei ist er seit Jahrzehnten ein ausgewiesener, international respektierter Meister seines Fachs. Nur passt dieser Wotan dort nicht hinein. Er schleicht von Anfang an kopfhängerisch dahin auf der Verliererstraße, die Augen niedergeschlagen. Er hat den Job des Göttervaters schon verloren, bevor die Oper auch nur beginnt.

Das mag dramaturgisch stimmen, aufführunsgpraktisch ist die Überlegung nicht. Sie raubt ihr den Schneid, das Interesse, sie macht den Göttervater zur tiefstimmigen Heulsuse. Das haben weder Wotan noch René Pape verdient. Prompt wird am Ende Brünnhilde durch zwei gellende Buh-Rufe aus dem Schlaf gerissen. Der kostbare Schillertheater-"Ring" ist am zweiten Abend mit der "Walküre" schon im vertrauten Berliner Opern-Schmäh angekommen. Das hat er, selbst wenn er Wotan heißt, nicht verdient.