Peter Stein

Reformator der Bühne, der zurück zu den Quellen ging

Hier ist der Frühling nicht lind und mild, eher rau und roh: Auf der Newa und den palastgesäumten Kanälen St. Petersburgs schmelzen Mitte April die vom Spätwinter übrig gebliebenen Eisschollen; aus Hinterhöfen, die so wirken, als würde Dostojewskis Raskolnikow weiterhin sein mörderisches Unwesen treiben, weht der Kältehauch schmutziger Schneehaufen.

Das Gezwitscher der Vöglein im Frühstücksraum des Hotels tönt naturgemäß vom Band. Auch wenn Klaus Maria Brandauers bereits mit Auftrittsapplaus bedachter Dorfrichter Adam im "Zerbrochnen Krug" plötzlich singende Vögel erwähnt, steht das nicht bei Kleist geschrieben - er will durch sein geistesgegenwärtiges Extemporieren besonders störendes Handyklingeln im Riesensaal das "Baltischen Hauses" zum Schweigen bringen.

Fast alle bedeutenden Theatermacher des Kontinents haben den vom europäischen Parlament und vom Europarat geförderten "Europa-Preis für das Theater" schon bekommen - darunter Ariane Mnouchkine und Peter Brook, Pina Bausch und Girogio Strehler, Patrice Chéreau und Peter Zadek. Dem jedoch ist das Preisgeld von immerhin 60 000 Euro anno 2007 vorenthalten worden, weil er - aus Gesundheitsgründen - nicht persönlich zur Verleihungszeremonie nach Thessaloniki kommen konnte. Die Preisprellerei war statutenkonform, sorgte trotzdem für beträchtlichen Unmut in deutschen und internationalen Medien.

Jetzt wurde Peter Stein ausgezeichnet. Dass die Überreichung samt zugehörigem Festival in Russland stattfand, scheint durchaus passend. Denn dort erfreut er sich größeren Ruhms als in seiner Heimat, wo man die historischen Leistungen des Urhebers und Prinzipals der Berliner Schaubühne respektiert - und seine ungebrochene Schaffenskraft leicht und gerne übersieht. Weltweit wurden Steins "Dämonen" nach Dostojewski gezeigt, ein hinreißender Elfstunden-Marathon in italienischer Sprache, in Deutschland nicht.

In Russland erscheint in Kürze eine zweibändige Studie über seine Arbeit, seit der Perestroika hat er da Bewunderer gefunden und prägende Spuren hinterlassen: durch das Berliner Gastspiel mit den "Drei Schwestern" 1989, seine Moskauer "Orestie" 1994, mit "Onkel Wanja" 1996 und dem "Hamlet" 1998 - letztere selbstverständlich auf Russisch. Peter Stein ist hartnäckig bekennend russophil, welche Liebe ihm nicht einmal die bis heute zwangsläufigen Mühseligkeiten beruflicher Russlandaufenthalte zu vermiesen vermochten. Geduld, Humor und gute Nerven sind als Reisegepäck zu empfehlen, um deren Zusammenbruch zu verhindern.

Eine knappe Woche lang folgte Podiumsgespräch auf Podiumsgespräch, Aufführung auf Aufführung. Denn der "Premio Europa per il Teatro", eine italienische Gründung mit leider ebensolcher Organisation, ehrt nicht nur das Lebenswerk einer Künstlerpersönlichkeit, sondern unter dem Motto "Neue Theaterwirklichkeiten" auch herausragende Produktionen jüngerer Regisseure und Gruppen - diesmal aus Finnland und Island, aus Tschechien, Russland und England. Von Katie Mitchell war keine Inszenierung zu besichtigen, sie wurde stattdessen ausgiebig mit Worten gewürdigt.

Ein eigenes Symposium im Stanislawski-Haus der Schauspieler widmete sich Peter Steins Rolle im europäischen Theater. Die Teilnehmer überboten einander an bewundernden Superlativen, priesen den ungemein genauen Text-Archäologen und dessen Fähigkeit, Stücke wie Partituren zu lesen, Vergangenes zu beleben und das kollektive Gedächtnis der Zuschauer zu mobilisieren. Er sei "un grande, un grandissimo maestro", lobte ihn Maddalena Crippa voll Emphase, und obwohl sie Steins Gefährtin ist, dachte rechtens niemand daran, ihr zu widersprechen. Die schönste Begeisterungsformel ersann aber der Pariser Theaterwissenschaftler und Kritiker Georges Banu, der ihn schlicht und einfach zum "Luther des modernen Theaters" erhob. Dürer hätte ihn malen sollen: mit Goethes "Faust" als Bibel in Händen. Fürwahr, eine erstaunliche franko-russische Karriere des Meisters aus Deutschland: Pjotr Martinowitsch Stein, der Reformator der Bühne, der zurück zu den Quellen ging, den heiligen Schriften der Dichter.