Lange Nacht der Theater

Gutes Warteschlangen-Management ist alles

Neukölln ist angesagt. Abgenudelt findet Felicia Zeller diese Aussage, und so wirft sie jedes Mal eine Münze in das Sparschwein ihrer Tochter, wenn in ihrem Text das Wort "Neukölln" vorkommt. Es klimpert etliche Male bei ihrer Lesung: Zeller hat mit ihrem Buch "Einsam lehnen am Bekannten" den In-Bezirk schon vor drei Jahren so ironisch wie unterhaltsam literarisch vermessen.

Mit lustigem Lokalkolorit startet der Heimathafen Neukölln in die 3. "Lange Nacht der Opern und Theater". Felicia Zellers Hauptfigur, eine Neu-Neuköllnerin, zieht im Jogginganzug von Kneipe zu Kneipe und übt das "Kampftrinken in der Neudefinition nach Zeller". Ob es sich um eine ernst zu nehmende Sucht oder eine ethnologisch motivierte Milieustudie handelt, bleibt offen. Die mehr als hundert Zuhörer hat die Autorin jedenfalls rasch im Griff, auch wenn anfangs verhaltene Verwirrung herrscht über das, was auf der Bühne passiert. Gruppen älterer Gäste sitzen ebenso im historischen Ballsaal wie das szenige Jungvolk aus dem Kiez oder ein Vater mit seiner Teenager-Tochter. Für manche ist es der erste Besuch im 2007 gegründeten Volkstheater, das mit der Lesung für eine kommende Inszenierung wirbt: Im Juni sollen Zellers Glossen als "performatives Großstadt-Tingeltangel" im Heimathafen auf die Bühne gebracht werden. Ob Vorschau, Ausschnitt aus laufenden Produktionen oder eigens entwickeltes Kurzformat: Es ist der Abend der Theaterhäppchen. 60 Bühnen, vom Opernhaus bis zum Zimmertheater, bieten bis weit in die Nacht Programm.

Die Neuköllner Oper etwa feiert ihren multikulturellen Bezirk mit einer Parade von der Spielstätte bis zu den Neukölln Arcaden. Als Janitscharen und Kreuzritter kostümierte Musiker ziehen über die Karl-Marx-Straße, um sie herum stimmen Sänger von mehr als fünfzehn Berliner Chören eine Melodie des musikalischen Leiters David Moss an. "Für ein vielstimmiges Neukölln", "Stimmkraft" oder "BUNT" steht auf den Transparenten. Neugierige bleiben stehen, Verkäufer treten aus ihren Telefon- und Klamottenläden auf die Straße, ein Vater hebt seine Tochter auf einen Stromkasten, damit sie besser sehen kann. "Was soll das?" fragt ein Passant. Ein Opernmitarbeiter erklärt es ihm. Im Einkaufszentrum fahren die Chöre singend Rolltreppe, ein Blechbläserensemble spielt, alles tönt und klingt. Nach etwa 20 Minuten ist alles vorbei.

20 000 Menschen auf Tour

Die Kunst auf die Straße zu tragen statt die Menschen ins Theater zu holen, ist ein guter Ansatz für die Lange Nacht. Ihr Grundproblem ist der Zugang: Theater haben begrenzte Sitzplatzkapazitäten. Lange Schlangen sind die Folge, denn rund 20 000 Berliner und Touristen waren am Sonnabend wieder auf Theatertour, so die veranstaltende Kulturprojekte Berlin GmbH. Mit Shuttle-Bussen bewegt die BVG die Besucher auf sieben Routen, von Charlottenburg bis Friedrichshain, vom Wedding bis Neukölln. Einmal durch die ganze Stadt in einer Langen Nacht? "Ich glaube nicht, dass man eine ganze Tour schaffen kann" sagt Kristian Overmeyer, der seit 20 Minuten mit seiner Familie vor dem Ballhaus Naunynstraße ansteht. Beinahe 22 Uhr ist es, und sie haben in zweieinhalb Stunden erst eine Inszenierung gesehen. Die übrige Zeit waren sie per Bus unterwegs oder warteten, wie jetzt.

Mit dem Ballhaus Naunynstraße hat der junge Mann sogar noch Glück: Das Kreuzberger postmigrantische Theater hat ein exzellentes Warteschlangen-Management. Ein Getränkestand bietet auch etwas zu essen, und regelmäßig informieren Mitarbeiter über die geschätzte Wartezeit. Nebenbei erfahren die Anstehenden etwas über den Spielplan - Öffentlichkeitsarbeit ist Teil des Marketing-Ereignisses, denn mit der Langen Nacht soll neues Publikum gewonnen werden. Für die teilnehmenden Theater der Grund, auf ihre Abendeinnahmen zu verzichten.

Gute Organisation ist das A und O des Groß-Ereignisses. Daran scheitert die Produktion "AquAria_PALAO" im Stadtbad Neukölln. Ein Ausschnitt aus der Unterwasseroper war im Programm angekündigt. Mit falschen Anfangszeiten: Erst nachts können die Sänger ins Becken, doch weit vor 19 Uhr stehen Hunderte Interessierte bis auf die Straße. Nur langsam löst sich die Schlange auf, niemand informiert über die Änderung. "Schlechte Werbung", sagt ein Besucher noch, bevor er wütend abdreht. Top und Flop in kurzer Folge - das ist die Lange Nacht.