Premiere

Außenseiter in Wagners Götterwelt

Er ist ein Außenseiter zweifellos, andere Opernregisseure sind hemdsärmliger. Der Belgier Guy Cassiers, der Wagners vierteiligen "Ring des Nibelungen" in Mailand und Berlin inszeniert und dessen "Walküre" heute im Schiller-Theater Premiere hat, ist keiner, der sich in den Mittelpunkt drängt.

Bei dieser Großproduktion ist er der schweigsame Mann hinter Dirigent Daniel Barenboim, hinter den Sängern, hinter unerklärlichen Bühnenbildern mitsamt Tänzern und Holographien. Wer war noch mal der Regisseur? wird manch einer fragen. Bislang hat sich Cassiers, Jahrgang 1960, kaum öffentlich geäußert, es gibt nur wenige Fotos von ihm. Im Gespräch mit ihm kann es schnell zu Missverständnissen kommen, denn der flämische Intellektuelle ist eigenen Begriffsdefinitionen verpflichtet. Wenn Cassiers über einen Raum spricht, dann reflektiert er über die Stimmungen darin, über seine eigenen Gefühle in diesem Raum. Ein Beispiel. Der Regisseur ist gerne in Berlin, weil er hier einen offenen, herzlichen Raum verspüre, wie es ihn nur in den Achtzigern in New York gab. Er fühle, sagt er, dass in Berlin eine junge Generation die Stadt mit ihrer Energie übernehme.

Natürlich spricht er auch vom Bühnenraum des Schiller-Theaters, zumal der mit Hinter- und Seitenbühnen nur ein Viertel so groß ist wie der an der Scala, was beim Bühnenbild zu Anpassungsproblemen führt. Aber wenn "wir über die Bühne des Schiller-Theaters reden", betont Cassiers, "dann mag ich vor allem die Nähe, die Oper wird zu einem Kammerspiel. Der Raum hilft der Intimität und dem klaustrophobischen Element von Wagner. Selbst der Zuschauer in der letzten Reihe kann die Mimik der Darsteller erkennen."

Irgendwann im Gespräch sagt Guy Cassiers plötzlich, dass er im echten Leben nicht immer die richtigen Worte finde, um Gefühle auszudrücken. Solche Sätze sagen normalerweise nur richtige Künstler, die deshalb komponieren, malen oder dichten müssen. Als was er sich denn nun verstehe? "Ich fühle mich als Architekt", sagt Cassiers und es klingt bescheiden: "Ich versuche die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich die verschiedensten Künste und Künstler einbringen können."

Gesamtkunstwerk für den Kopf

In gewisser Weise knüpft er damit an Wagners Idee eines Gesamtkunstwerkes an. Und zugleich auch wieder nicht. "Wagner ließ in Bayreuth ein Festspielhaus speziell für dieses Gesamtkunstwerk errichten", erklärt Cassiers: "Er hatte eine sehr genaue Idee, was er damit erreichen wollte. Ich dagegen will, dass das Gesamtkunstwerk im Kopf des Zuschauers entsteht. Die verschiedenen Disziplinen sind auf der Bühne ein Stück weit autonom, und der Zuschauer ist somit ein Teil des kreativen Prozesses."

Was bei diesem "Ring" auch für mancherlei Verwirrung sorgt. Im "Rheingold", dem Vorspiel, das bereits im vergangenen Jahre Premiere hatte, treten beispielsweise Tänzer auf. Wagner mochte das damalige Ballett nicht, Cassiers den Modernen Tanz schon. Es sind Momente von unerklärlicher Poesie entstanden. "Auf der Bühne sind die Elemente der Konstruktion und der Illusion immer parallel zu beobachten, und der Zuschauer muss sich sein Bild zusammensetzen", erklärt Cassiers: "Der Tarnhelm beispielsweise im 'Rheingold'. Das ist kein richtiger Helm, sondern durch die Tänzer eine amorphe Anordnung von Körpern, die ständig die Identität verändern können." Der Tarnhelm und damit die Tänzer kommen aber erst in 'Siegfried' wieder zurück.

Eigentlich ist Cassiers, der in seiner Heimatstadt Antwerpen Grafik studiert hat, in der Bildenden Kunst verwurzelt. Mit Klassik war nicht viel. "Uuh, das ist meine größte Frustration, dass es mir meine Eltern nicht ermöglicht haben, ein Instrument zu erlernen", sagt er lächelnd: "Oder besser, sie haben es versucht, aber mich nicht genügend gezwungen." Im Theater, das er als Regisseur gerne mit literarischen Stoffen anfüllt, gilt er als einer, der ein großes Herz für isolierte, oft asoziale Figuren hat. Bei Wagner ist es zugleich der Rückblick auf das Archaische. "Die Beziehung zwischen Agamemnon und Iphigenie ist vergleichbar mit der von Wotan und Brünnhilde", sagt der Regisseur: "Es geht um die Vater-Tochter-Beziehung." Überhaupt möchte Cassiers die Untergangsgeschichte der Götterwelt in antiken Gefühlswelten belassen. "Ganz sicher ist man sich nicht, aber eine Theorie über die griechische Tragödie besagt, dass es als Ritual um ein offenes Grab herum angefangen hat. Der Chor war dazu da, dem Toten eine Stimme zu verleihen. Diese Anfänge habe ich immer im Hinterkopf, wenn ich an der "Walküre" arbeite." Es sind gerade auch die Schattenwelten.

Ein neues Universum geschaffen

An Wagner bewundert er, dass er "es gewagt hat, eine neues Universum zu kreieren." Cassiers stellt ihn auf eine Stufe mit dem Universalgenie Leonardo da Vinci, der das Denken der Renaissance symbolisiert. Bei Wagner gehört für ihn auch der bürgerliche Protest, der revolutionäre Geist dazu. "Es gibt lange schon einen Gegensatz zwischen Mächtigen, die den Gedanken einer europäischen Vereinigung vorantreiben möchten, und einfachen Bürgern, die Angst davor haben, dabei ihre eigene kulturelle Identität zu verlieren", sagt Cassiers und nicht von ungefähr verlieren die Handelnden in seiner Götterwelt ständig ihren Halt: "Die Gegenwart rutscht ihnen davon. Das zeige ich durch den Einsatz von neuen Medien, durch Videoeinspielungen. Es sind Bilder, die eben nicht real sind. Die Figuren erschaffen sich quasi ihre eigene virtuelle Realität."

Musikalisch nimmt der Belgier an Wagner übrigens weniger das Pathos, das Aufbegehrende, sondern das Leidvolle wahr. "Und wenn ich jetzt Rene Pape höre, wie er den Wotan singt, dann entdecke ich eine Menge Heimweh, Melancholie in dieser Partie. Das war für mich völlig neu in dieser Musik."