Kunstsache

Gruppenausstellungen sind viel besser als ihr Ruf

Gruppenausstellungen sind ungefähr so beliebt wie ein Stau auf der Autobahn. Kein Künstler drängelt gern mit Kollegen. Lieber hat er den ganzen Platz für sich. Gruppenschauen haben den Ruf als Programmlückenfüller - zu Unrecht, denn oft bieten sie die Chance für ungeahnte Entdeckungen.

So wie in der Galerie Veneklasen/Werner: Dort hat der kanadische Künstler Neil Campbell auf die Wand gemalt: ein pinkes Rechteck, acht Meter lang, dreieinhalb Meter hoch, zwei große Kreise in Schwarz darauf. Farbige Wandmalerei? Klar: Sol LeWitt grüßt - aber Campbell ist wie Sol LeWitt auf LSD. Ich weiß auch nicht, welche Substanzen der Künstler in seine Pigmente gemischt hat. Aber nach einiger Zeit sprangen die schwarzen Kreise meinem Auge entgegen, während sich das Rechteck immer weiter in die Wand zurückzog. Am Ende konnte ich nicht sagen, ob es sich wirklich um eine ebene Fläche handelt, oder ob der Künstler vielleicht verbotenerweise einen pinken Raum aus der Galeriewand herausgeschnitten hat. Wunderbar irritierend. Campbells Werk ist für 20 000 Dollar verkauft.

In einem zweiten Raum der Galerie fielen mir die Bilder des jungen New Yorker Künstler Ryan Sullivan auf (je 12 000 Dollar), vor allem "January 10, 2011": Was von Weitem wie ein Satellitenfoto der Marsoberfläche aussah, entpuppte sich von Nahem als Berge und Täler roter und gelber Ölfarbe. Ich stand lange vor Sullivans Bild, ohne herauszubekommen, ob es ausschließlich gemalt ist oder nicht doch an einigen Stellen ein Fotodruck. Sullivan beweist (ähnlich wie Campbell), dass die Malerei ein ewig zu entschlüsselndes Rätsel bleibt. (Bis 22. April, Rudi-Dutschke-Str. 26, Kreuzberg)

Ebenfalls eine Gruppenausstellung zeigt einen Hinterhof weiter die Galerie Crone . Der neue Galeriedirektor, Journalist und Produzent Markus Peichl, stellt Zeichnungen von vier Künstlern aus. Als erstes zogen mich die Arbeiten von Peter Stauss an: "Telefonkritzeleien", witzelte Peichl. Wenn es stimmt, muss der 1966 in Sigmaringen geborene Künstler in Talent ertrinken. Wo unsereins beim Telefonieren bloß Strichmännchen aufs Papier bringt, entwirft Stauss ganze Wimmelwelten, in denen stets die gleiche Figur in unterschiedlichen Verkleidungen auftritt. Ein Mensch-Tier-Wesen, das aussieht wie eine Mischung aus Iggy Pop, Johannes Heesters und dem Yeti. 2300 Euro kosten Stauss' Blätter. Fans des nicht weniger begabten Marc Brandenburg haben bei Crone die Gelegenheit einige frühe Arbeiten zu erwerben, als der Berliner Zeichner seine Schwarz-Weiß-Motive noch nicht ins Negativbild verdrehte. Das Werk "Ohne Titel (Elektrischer Stuhl)" von 1996 ist die fast fotorealistisch perfekte Wiedergabe einer Hinrichtungsstätte und erinnert natürlich an Warhols "Electric Chair"-Siebdruck. Allerdings hat Brandenburg sein Motiv mit Heftklammern festgetackert. Das ist Pop-Art, liebevoll vom Punkgestus gepierct (8000 Euro). (Bis 23. April, Rudi-Dutschke-Str. 26)

"Verlorene Form" heißt die aktuelle Gruppenschau der Galerie Gebr. Lehmann , die sich mit verschiedenen Positionen der abstrakten Kunst beschäftigt. Dem 31-jährigen Dresdner Tilman Hornig gelingt es hier, dem allseits beliebten Stahlskulpuren-die-wie-Papier-aussehen-Trick noch etwas Neues abzugewinnen, seine "Faltungen" kosten zwischen 2300 Euro und 4800 Euro. Am stärksten beeindruckte mich Eberhard Havekosts "Nuclear war, let's talk about it, B11" (75 000 Euro). Das Gemälde zeigt einen blass schimmernden lilafarbenen Halbkreis mit zwei Strahlen, der im mattschwarzen Hintergrund zu versinken scheint. (Bis 7. Mai, Lindenstraße 35, Kreuzberg)