Theater

Ein Schweißfleck an der Wand macht glücklich

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Theater und sollen die Augen schließen. Vier Jungs träufeln Ihnen sinnliche Eindrücke ins Ohr: Wellen rauschen, Möwen kreischen, Muezzine rufen. Einige der Jungs beginnen zu summen - schon ersteht Istanbul vor dem inneren Auge.

Stellen Sie sich vor (so der Ton der ersten zehn Minuten), die vier redeten Ihnen nun ein, Sie seien ein erfolgloser Jungschriftsteller mit hoher Drogenaffinität - schon zerplatzt die Illusionsblase. Denn Identifikation lässt sich nicht so einfach machen mit Harry Gelb, Protagonist und Ich-Erzähler von Jörg Fausers autobiographischem Roman "Rohstoff" aus dem Jahr 1984. David Czesienski und Robert Hartmann vom Regiekollektiv Prinzip Gonzo haben die 300 Seiten im Gorki Studio stark eingedampft, erzählen sie aber ähnlich rasant wie Fauser - in nur 80 Minuten. Spielerisch beschwören sie prägnante Szenen: Nach dem Kopfkino vom Bosporus folgen Schlaglichter aus einer Berliner Kommune, von linken Demos, aus Künstlerkneipen und Verlagsstuben.

Wenige Mittel reichen: ein Scheinwerfer mit wechselnden Farben, Nebel, Papiere, ein Diaprojektor, Tisch und Stühle. Virtuos geistert Harry durch alle vier Schauspieler, die sich mal mit größerem, mal mit kleinerem (und dann umso wirkungsvollerem) Aufwand auch die übrigen Rollen teilen: Bei Christoph Förster reicht ein Blickwechsel, um zu Harrys Freundin Bernadette zu werden, die ihn verlässt, weil er sein Leben nicht auf die Reihe bekommt. Wie er und Richard Erbens Harry im Fotoformat des Scheinwerfers Paarposen durchprobieren, ist ebenso prägnant gelöst wie die sehr lange Schweige-Szene, mit der Harry von den großen Verlagen gedemütigt wird - Tim Tonndorf bestaunt da als Harry beglückt einen Schweißfleck, den er auf der Wand hinterlässt.

Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Drogenroman auf der Bühne, aber die entsprechenden Erfahrungen des Protagonisten spielen kaum eine Rolle. Dabei scheint das Thema gerade in Mode - Angela Richter nahm vor wenigen Wochen mit "Berghain Boogie Woogie" am HAU das Publikum mit auf einen ziemlich schlechten Trip, an der Schaubühne suchte Patrick Wengenroth nach "Christiane F.". Czesienski und Hartmann aber streifen in ihrer Diplominszenierung an der "Ernst Busch"-Hochschule Harrys Exzesse und Entzugserfahrungen nur kurz. Stattdessen konzentrieren sie sich auf den reportagehaften Streifzug durchs linke, längst historische Biotop.

Mit filmischen Mitteln wie Wiederholungen, Schnelldurchlauf und Schnitten nehmen sie die schon von Fauser scharf umrissenen Typen der autonomen Szene ins Visier, die mit radikalen Worthülsen um sich werfen und später im bürgerlichen Milieu auftauchen. Steilvorlagen, die die vier Schauspieler in Karikaturen am Klischee-Abgrund verwandeln. Am Ende seiner Reise durch die Vorhölle der linken Spießer landet Harry auf dem Asphalt, in dessen Riss ein Grashalm sprießt. Das Prinzip Hoffnung siegt.

Maxim Gorki Theater/Studio , Hinter dem Gießhaus 2, Mitte, Tel. 20 22 11 15. Termine: 18. April, 5. und 21. Mai, je 20.15 Uhr.