Kunst

Das Reich der Monster liegt im Friedrichshain

Das Reich der Monster liegt in Friedrichshain. Um sich darauf einzustimmen, tut man gut daran, zu Fuß in die Welt der Trolle und Elfen, der Schubert spielenden, neunäugigen Fabelwesen und fünfäugigen Hunde zu treten.

Man lasse also das Auto zuhause, fahre mit der U-Bahn bis zum Frankfurter Tor, laufe die Warschauer Straße hoch, biege in die Boxhagener ein und - im Slalom zwischen Hundehaufen - hoch in Richtung Mainzer Straße, vorbei an auf Fensterbrettern thronenden Ureinwohnern und den jungen Lemuren durchtanzter Nächte bis man den inneren Kreis der Monster, Mythen, Mutationen betritt: Mainzer Straße 12. Warm ist es hier, licht und friedlich, ja, und angenehm. Zwei junge Männer kommen dem Besucher freundlich entgegen, zwei Märchenkönige im Reich der Fabeltiere: Mateo Dineen und Johan Potma. "Wir brauchen die Gegend hier. In all ihrer Widersprüchlichkeit regt sie uns an", sagt der Amerikaner Mateo, der gut Deutsch spricht, nur manchmal Probleme mit den Artikeln hat und dann nicht weiß, welcher der Racker zu welchem Wort gehört.

Fabelwesen in der Badewanne

Mateo und Johan sind Künstler, die sich mit ihren Fabelwesen langsam, aber stetig einen Namen in gewissen Berliner Kreisen gemacht haben und nun in ihrer eigenen Galerie sitzen, umgeben von den gar nicht so schrecklichen Schreckgestalten ihrer Fantasie: Ein blauhaariges Monster sitzt dickbäuchig in der Badewanne und hört Musik. Zur Entspannung hat es seine drei Augen herausgenommen. Gegenüber lässt sich eine andere, skeptisch dreinblickende Bestie die Haare von einem einäugigen Friseur schneiden. "Très élégant" heißt das Bild. Mateo hat es 2009 gemalt. Doch nicht nur Monster leben hier, auch rote Vögel, traurige Mädchen und ein schläfrig dreinblickendes, bläuliches Schwein, das Johan Potma 2005 zeichnete und ihm den Titel "Besoffene Sau" gab. Eine Anspielung auf Friedrichshain?

Angefangen hat alles woanders. Mateo, 1972 in Kalifornien geboren, kommt aus San Francisco, Johan, zwei Jahre jünger, aus einem Dorf in Holland. Beide besuchen die Kunstakademien ihrer Heimat und zeichnen comicartig, was ihnen durch den Kopf geht. Beide sind rastlos, reisen durch die Welt und gewähren den Einfällen, die ihnen in wirbelnder Fülle zuströmen, eine Gastfreundschaft, die keine Grenzen kennt. Da entdeckt Mateo Berlin; genauer: Seine Freundin entdeckt die Stadt, will sofort an die Spree, und Mateo folgt. Doch er hat kein Geld, und Berlin hat nicht auf ihn gewartet. Noch immer gilt, was Carl Zuckmayer über die Stadt schrieb: Berlin frisst Talente und menschliche Energien mit beispiellosem Heißhunger, um sie ebenso rasch zu verdauen, kleinzumahlen und wieder auszuspucken. Mateo ist fast ausgespieen, fühlt sich jedenfalls so. Er hat kein Geld und muss wohl nach Hause. In seiner Not stellt er sich an einem Sonntag auf den Flohmarkt am Boxhagener Platz, um seine Monster an den Mann, die Frau, das Kind, an alle zu bringen, die ihm einen Lebensunterhalt ermöglichen. Siehe da, seine Bilder kommen an. Mateo erzählt schüchtern lächelnd, dass eines Tages ein Achtjähriger seine fotografierten Zeichnungen durchschaut, die er stets mitbringt, um den Besuchern einen Eindruck seiner Arbeit zu verschaffen. Der Kleine will ein bestimmtes Monster erstehen. Doch es ist schon verkauft. "Das ist ungerecht", schimpft der Junge. "Dann musst du es halt noch mal malen." Mateo überlegt. Der Knirps hat Recht. Der Künstler beginnt, Drucke seiner Monster anzufertigen. Sie sind preiswerter als die Originale und gehen weg wie Zitroneneis im Sommer. Der Aufstieg beginnt. Kalender werden erstellt, T-Shirts bedruckt. Eine Internetseite wird eingerichtet ( www.zozoville.com ), ein Buch verfasst. Auf allen größeren Berliner Flohmärkten grinsen einen heute Mateos Monster an. Wer ein Original wünscht, der muss sogar um die sechstausend Euro mitbringen. So viel sind Mateos Bilder dem Kunstmarkt heute wert.

Doch halt, einer fehlt: Johan Potma. Auch er ist in der Stadt, auch er braucht Geld, und trifft mit Mateo plötzlich einen, der dieselbe Sprache spricht wie er, obgleich der Amerikaner ist. Beide sind überrascht, wie ähnlich ihre Einfälle, wie verwandt ihre Ideen und Vorstellungen sind. Sie beschließen sich zusammenzutun, gegenseitig anzuregen, sich auszutauschen und damit weiterzuentwickeln. Beide zeichnen wie im Fieber, stets mit Sinn für das Detail, aber auch mit wissenden Augen. Ihre Monster mögen Bilder einer Mythenwelt sein, von Kindern sind sie dennoch nicht gezeichnet worden, und sie sind auch nicht alle für Kinder gedacht. Viele von ihnen strahlen nicht nur Heiterkeit aus; sie sind keine fröhlichen Nullen oder munter brabbelnden Sesamstraßenpuppen, sondern können auch melancholisch sein und sich umzubringen versuchen. Allesamt haben sie, selbst wenn sie mitunter Krümelmonstern gleichen, ihre Kekse schon einmal unter Tränen gegessen. Aus der Comicwelt stammend, haben sich die meisten der haarigen Wesen selbstständig gemacht. Comics sind zweidimensional, Mateos, Johans Bilder aber gehen in die Tiefe.

Sie lachen verschmitzt, als sie es hören. "Wir nehmen Eindrücke auf und empfinden sie. Wir denken bewusst nicht groß darüber nach. Es sollen ja keine Kopfgeburten herauskommen, sondern erfühlbare Wesen", sagt Johan und führt den Gast durch die Galerie, die nach hinten in das kleine Doppelatelier der beiden Maler übergeht. Kreatives Chaos herrscht dort. Oder heilloses Durcheinander. Jedenfalls kommt dem Besucher Alfred Polgar in den Sinn. Bei einem ähnlichen Gang durch ein Künstleratelier schaute sich Polgar verächtlich um, zündete sich schließlich eine Zigarette an und fragte seinen Gastgeber: "Stört es Sie, wenn ich einen Aschenbecher benutze?"

Das Atelier ist mittlerweile zu klein

"Mittlerweile wird das Atelier zu klein. Wir sitzen zu dicht aufeinander." Kommt es nicht zu Spannungen, wenn man so nah beieinander ist - räumlich, wie künstlerisch? "Natürlich gibt es die", sagt Johan und lächelt wie ein Stofftier. "Wir haben auch beschlossen, in diesem Jahr jeweils längere getrennte Reisen zu unternehmen, um zu sehen, wie wir uns entwickeln. Der Erfolg in Deutschland ist für uns ein Glück und eine Last zugleich. Glück, weil wir es uns nun leisten können, länger an unseren Bildern zu sitzen und viel detailreicher zu werden, als es uns vor einigen Jahren möglich war; lästig, weil wir durch die vielen Aufträge von einer Sitzung zur nächsten laufen und gar nicht mehr so lange an die Staffelei kommen, wie wir es eigentlich vorhatten. In der nächsten Zeit muss mal etwas Neues kommen."

Ob die beiden Künstler dann noch in Berlin sein werden? Wer mag das wissen. Ihr Bestienreich kann überall bestehen, auch wenn Friedrichshain mit seiner besonderen Außenwelt ein ganz eigenes Monsterflair besitzt.