Prime Time Theater

Heiner Müller steht im Wedding auf der Speisekarte

Der rote Teppich ist zu lang. Die Rolle liegt im Rinnstein - der Rest hätte wahrscheinlich noch bis zum U-Bahnhof Wedding gereicht. Oder bis zum Eingang des Prime Time Theaters, vor dem sich bereits um 19 Uhr eine Schlange bildet. Aber noch spielt die Musik nebenan. An der Ecke Müller-/Burgsdorfstraße, wo die Parteizentrale der Berliner SPD liegt.

Oben wehen die roten Fahnen - unten im Parterre bedecken kleinkarierte weiß-rote Gardinen den unteren Teil der Fenster. Auch im Inneren dominieren diese Töne: Dunkel- (und nicht SPD-Rot) sind Wand und Decke gestrichen, weiß leuchtet der Tresen, der rechteckig in den Raum ragt. Draußen geht ein kräftig gebauter Mann mit Vokuhila-Frisur an den Wartenden vorbei, schaut - und spricht mehr als einen an. Die Stimmung ist entspannt. Der Salon Graf wirbt mit einer "Volumendauerwelle" zum Preis von 10 Euro.

Das würde auch für ein Essen in der Prime Time Kantine reichen. Am Donnerstagabend haben die Erfinder der Theater-Sitcom "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" (GWSW) ihr Geschäftsmodell erweitert: Sie haben direkt neben ihrem Theater bei der SPD Räume angemietet und eine Mischung aus Bistro und Diner eröffnet: Die Gerichte tragen lustige Namen - erfolgreiches Volkstheater verpflichtet: Hinter "Ma hattn doch nüscht" verbirgt sich eine ungarische Gulaschsuppe, "Neu-Prenzlberg" heißt der warme schwäbische Kartoffelsalat und die "Mitte-Schnitte" besteht aus pochiertem Lachs mit Gurkengemüse auf Safranschaumsoße und Wildkornreis. Auch "Heiner Müller" ist im Angebot - als Nachspeise.

Die Tageskarte gibt sich dagegen neutral, die bedeutungsreichen Namen sind den Gästen am Abend vorbehalten. Bei den Theaterbesuchern dürften die gut ankommen, denn jedes Gericht hat einen Bezug zu "Gutes Wedding, schlechtes Wedding". Die Sitcom startete im Januar 2004, anfangs gab es alle 14 Tage eine Fortsetzung. GWSW wurde ein Renner, mehrere Umzüge in jeweils größere Räume folgten. Dem Wedding sind die Theatergründer Constanze Behrends und Oliver Tautorat treu geblieben - sie könnten auch gar nicht über die "böse Brücke" zu den "Prenzlwichsern" gehen, wie die lattetrinkenden Bewohner des Nachbarbezirks in GWSW bezeichnet werden. Mittlerweile läuft Folge 69 ("CSI Wedding"). Allein-Autorin Constanze Behrends steht ebenso auf der Bühne wie Oliver Tautorat, mittlerweile ihr Ehemann. Schon lange dabei sind auch die Schauspieler Alexander Ther und Jenny Bins. Zuletzt kamen Felicitas Vajna und Robert Speidel dazu.

Passend zur Kantinen-Eröffnung gibt es "Das Koch-Duell" zu sehen. Moderiert von Molly van de Lind, der Blonden mit dem holländischen Akzent. Drei Reihen im Theater hat der Fanclub "Wedding 65" - die postalische Bezeichnung des Bezirks vor Einführung der neuen Postleitzahlen - mit entsprechenden T-Shirts reserviert. Der GWSW-Titelsong ("Real Sex Is Only Wedding") wird mitgesungen. Als Oliver Tautorat in seiner Paraderolle als lispelnder Postbote Kalle - der Mann mit der Vokuhila-Frisur - auf die Bühne kommt, tobt der Laden. Und dabei geht die Show doch erst los.