Maxim Gorki Theater

"Einhundert Nazi-Skalps" fordert der polnische Fliegeroffizier

Einmal Brad Pitt sein! Wenn er in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" seine Jungs auf ein einziges Ziel einschwört: "Nazis töten". Im Maxim Gorki Theater ist es Hans Löw, der die Parole ausgibt: "Jeder Soldat unter meinem Kommando schuldet mir einhundert Nazi-Skalps". Löw leiht sich Pitts Rede für seine Rolle als polnischer Fliegeroffizier Stanislaw Sobinsky aus Ernst Lubitschs legendärem Nazi-Verballhornungs-Film "Sein oder Nichtsein" von 1942.

Darin wird ein Warschauer Stadttheater-Ensemble nach dem Einmarsch der Deutschen zur improvisierten Anti-Nazi-Kampftruppe.

Um zu verhindern, dass der Agent Silewski der Gestapo die Aktivitäten des polnischen Widerstands enthüllt, müssen sie allerdings selbst in die Rolle von Nationalsozialisten schlüpfen. Angeführt vom Starschauspielerehepaar Maria und Joseph Tura, die sich nebenbei wegen des feschen Fliegers Sobinsky in die Haare kriegen, entspinnt sich ein so komisches wie entlarvendes Rollen- und Verwechslungsspiel - buchstäblich um "Sein oder Nichtsein", Leben und Tod. Am Ende haben sie Silewski unschädlich gemacht, die Nazis an der Nase herumgeführt und sich selbst nach London abgesetzt.

Volksbühnen-Raubein Milan Peschel, der als Regisseur mit hinreißend überdrehten Klassiker-Inszenierungen am Theater an der Parkaue reüssierte, imitiert Lubitschs Film nicht bloß, sondern setzt in bester Volksbühnenmanier auf die Übertreibungs- und Verfremdungsmittel des Theaters. Und auf grandiose Schauspieler, die unter seiner Regie in dem Slapstick-tauglichen Kulissenbild von Magdalena Musial zur Höchstform auflaufen.

Ronald Kukulies verliert als eifersüchtiger Ehemann Tura so sehr die Kontrolle über Glieder und Gesichtszüge, dass er buchstäblich aus der Haut zu fahren scheint, während Sabine Waibel als seine Gattin zwischen Augenaufschlag und Kleidlüpfer diverse Posen exzentrischer Divenhaftigkeit probt. Als "Konzentrationslager-Ehrhardt" tanzt Holger Stockhaus im Halbdunkel Ballett und performt den Fanatismus auch sonst als schweißtreibende Übergeschnapptheit. Den Silewski schwenkt Wilhelm Eilers ins schneidig Dämonische und krallt die Hände schon mal zum Nosferatu-Schattenbild (überhaupt gibt's viele toll ungewöhnliche Licht-Schatten-Effekte). Martin Otting macht mit stoischer Miene und Reibeisenstimme jede Gehorsamkeits-Replik des Sturmführers Schulz zu einem kleinen Ereignis. Anka Graczyk schnaubt auf Polnisch und Horst Westphal will "keine blöde Komödie über Nazis" und verweist damit auf die Umstrittenheit der Filme von Lubitsch und Tarantino. Immer wieder öffnen Anspielungen wie diese den abgründig-komischen Dreieinhalb-Stunden-Abend zur Wirklichkeit, nicht zuletzt weil er vor allem auch von Schauspielern und deren Liebes- wie Ruhmesbedürfnis erzählt.

Tarantino, für den Lubitsch ein wichtiger Bezugspunkt ist, lässt seinen Film mit einem Kinobrand enden, in dem Hitler und die Seinen im Gewehr- und Theaterfeuer einer jüdischen Rache zugrunde gehen. Die Geschichte wird umgeschrieben, den Opfern das geglückte Aufbegehren gegönnt. Peschel, der das Ganze vor wenigen Wochen schon mit polnischer Besetzung in Krakau zur Premiere gebracht und nun nach Berlin rüberkopiert hat, bezieht Lubitsch wiederum auf Tarantino. Als Soundtrack dreht er Western-Musik von Ennio Morricone auf, die auch Tarantino genutzt hat. Und er gibt sich nicht mit dem Film-Sieg über die paar Nazis um Ehrhardt und Silewski zufrieden, sondern lässt in einem offenen Schluss die ganz große Aktion à la Tarantino zumindest als Möglichkeit aufscheinen. "Hitler sitzt heute Abend in der Königsloge", sagt Regisseur Dowasz, "also was sollen wir machen?" Und während die auf der Bühne sich fragend ansehen, geht im Kopf des Zuschauers ein Film los.

Für fabelhaftes Schauspiel braucht es übrigens keinen Brad Pitt. Und für einen fabelhaften Abend nicht unbedingt einen Tarantino. Ein Peschel tut es auch.

Maxim Gorki Theater Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20 22 11 15. Termine: 18. u. 25. April; 3., 13. und 20. Mai, 19.30 Uhr.