James Last

"Ich bin noch angemacht vom Leben"

Er ist der erfolgreichste Bandleader der Welt: James Last hat fast 200 Alben produziert, 160 Millionen Tonträger verkauft, Goldene Schallplatten gesammelt wie andere Briefmarken. Berühmt wurde er als Erfinder des "Happy Sound", mit dem er die Republik zum Tanzen brachte: Populäre Stücke von Klassik bis Rock, neu aufgenommen mit einem 40-Mann-Orchester und zu nahtlos ineinander übergehende Anderthalbminütern verschmolzen: die Party von der Platte.

Morgen feiert der Stimmungsmacher, der heute in Florida lebt, seinen 82. Geburtstag. Zuvor gibt der Unermüdliche heute ein Konzert in der O2 World. Christoph Forsthoff hat mit James Last gesprochen.

Berliner Morgenpost: Die Welt kriselt; braucht es da Ihren "Happy Sound", um die Leute auf andere Gedanken zu bringen?

James Last: Ja, das wird in solch einer Situation immer wichtiger. Das ist fast immer so gewesen: Kriselte es, sind die Leute lieber ins Konzert gegangen oder in die Kneipe, um dem zu entfliehen. Der Mensch kann es einfach nicht ertragen, immer nur Hiobsbotschaften zu hören.

Berliner Morgenpost: Empfinden Sie es als Kompliment, dass man sich dann von Ihrem Happy Sound ablenken lässt?

James Last: Für mich ist es wichtig, den Menschen zu zeigen, wie das Leben sein kann: Denn Leben ist doch eigentlich ein ganz positiv besetztes Wort. Es sollte vorwärts gehen, wir wollen ja leben - wenn uns das Wort Krise die Beine zusammenschnürt, kann die Musik sehr wichtig werden.

Berliner Morgenpost: Wie gelingt es Ihnen selbst, auch in Krisenzeiten stets positiv gestimmt zu sein und musikalisch Optimismus zu verbreiten?

James Last: Mit dem, was ich mache. Wir Musiker reisen durch die ganze Welt und stellen fest, dass im Grunde die Liebe zur Musik überall ähnlich ist. Ob Deutschland, Südafrika oder Neuseeland: Ich könnte nicht sagen, wo das Publikum am besten ist, denn die Begeisterung ist überall die gleiche.

Berliner Morgenpost: Die Musik als Quelle Ihres Optimismus und Jungbrunnen?

James Last: Ja, auf jeden Fall. Schon als 25-Jähriger habe ich zu meiner ersten Frau gesagt: Ich freue mich schon aufs Alter, da brauche ich keine Kreuzworträtsel zu lösen, denn mit Musik kann ich mich ein Leben lang auseinandersetzen.

Berliner Morgenpost: Hat es Sie nie geärgert, dass Kritiker Ihnen immer wieder vorgehalten haben, einen ziemlich kommerziellen Sound zu pflegen?

James Last: Das kann mich nicht stören. Und warum sollte ich auch etwas anderes schreiben, nur weil es einem oder zwei Kritikern nicht gefällt? Ich mache das, wozu ich Talent habe - und das ziehe ich durch. Und wenn Millionen Menschen verstehen, was ich meine, und dann kommen zwei Kritiker, dann nehme ich mir das vielleicht zu Herzen, aber es kann nicht mein Leben ändern. Das wäre auch falsch, denn dann käme ich von meinem Weg ab.

Berliner Morgenpost: Gibt es bei all Ihren Alben Aufnahmen, von denen Sie heute sagen würden: Hm, das hätte ich besser nicht eingespielt?

James Last: Ich habe einmal eine Marsch-LP aufgenommen, weil die von der Plattenfirma gewünscht wurde. Da habe ich gleich gesagt: Das funktioniert nicht - und es funktionierte auch nicht. Das war aber auch die einzige Ausnahme, alle anderen Alben habe ich wirklich mit viel Spaß gemacht.

Berliner Morgenpost: Wie immer, werden Sie auch in Berlin wieder selbst den Takt angeben - braucht eine Bigband eigentlich einen Dirigenten?

James Last: Ach, Quatsch, natürlich nicht. Sicher sollte einer das Ganze in der Hand behalten, aber wenn ein Sinfonieorchester im Silvesterkonzert den Radetzky-Marsch spielt und da steht einer vorn und dirigiert, als flöge er zum Mond, dann ist das lächerlich - jeder der Musiker kann doch bis vier zählen! Spielen lassen, das ist die große Kunst: Karajan, der konnte das, das habe ich früher beim NDR-Sinfonieorchester selbst einmal hautnah erlebt.

Berliner Morgenpost: Und worin liegt dann Ihre Aufgabe?

James Last: Ich bin der Übersetzer - von der Musik zum Publikum. Einer muss halt da oben stehen, und damit sich die Leute nicht zu sehr erschrecken, mache ich auch nur ganz kleine Bewegungen (lacht). Natürlich gibt es auch rhythmisch komplizirte Sachen, wo ich den Musikern schon mal zeigen muss, wo die Eins ist, doch ansonsten gilt: Lass sie laufen, die wissen das alles, das sind keine Dummies. Wichtig ist am Ende das Verbinden zu einem Ganzen.

Berliner Morgenpost: Friedrich Nowottny prägte für Sie das Wort vom "Karajan des kleinen Mannes".

James Last: Das fand ich toll, ein Riesen-Kompliment!

Berliner Morgenpost: Hat es Sie nie geärgert, dass Sie "nur" als U-Musiker betrachtet worden sind?

James Last: Nein - zumal ich selbst da auch keinen Unterschied mache. Wenn ich mich im Hotel eintrage, schreibe ich ja auch nicht "James Last, Dirigent" oder "Komponist", sondern "Musiker". Das bin ich, fertig. Früher habe ich Klassik gespielt, sollte eigentlich mal Kapellmeister werden, das war die Idee von meinen Eltern. Dann bin ich als Bassist in den Jazz reingerutscht, die populäre Musik kam hinzu. Und es ist doch toll zu erleben, dass die Musiker im Studio all meine Arrangements mit ebensolcher Freude spielen und Millionen Menschen auf der ganzen Welt das gern hören.

Berliner Morgenpost: Sie feiern jetzt Ihren 82. Geburtstag - sind Sie 82 Jahre alt oder jung?

James Last: Wenn ich mich selbst erlebe, meine ich immer, ich bin noch jung. Das ist natürlich Quatsch: 82 Jahre sind 82 Jahre. Aber es ist doch toll, wenn man noch herumtoben und Spaß haben kann am Leben. Im Sessel zu sitzen und vor mich hin zu faulen, das würde mir nicht liegen - ich bin Gott sei Dank noch angemacht vom Leben.

Berliner Morgenpost: Günter Gaus, wie Sie 1929 geboren, sprach von der Gnade der späten Geburt gesprochen - empfinden Sie dies auch so?

James Last: Das kann schon sein. Bei mir waren es praktisch 17 Tage, die mir das Leben gerettet haben: Denn die Jungs, die bis zum 1. April 16 Jahre alt wurden, mussten noch in den letzten Wochen des Krieges die Knarre in die Hand nehmen - ich hingegen bin noch so grad über die Grenze gesprungen, als das Leben wieder begann.

Berliner Morgenpost: Nun gab es in Ihrem Jahrgang ja eine Menge Prominenter wie Kempowski, Habermas oder Enzensberger, die alle in gewisser Weise für die kulturelle Erneuerung des Nachkriegsdeutschlands stehen. Würden Sie auch für sich in Anspruch nehmen?

James Last: Soweit würde ich nicht gehen. Ich habe Musik gemacht ohne das Bewusstsein, etwas Neues zu schaffen. Im Endeffekt haben wir ja immer dasselbe gespielt und keiner hat sich Gedanken gemacht, was man ändern könnte. Bis die Beatles kamen, die wirklich etwas ganz anderes gemacht haben. Da habe ich mir gedacht: Irgendetwas muss da dran sein, wenn die ganze junge Welt das gern hört, während wir im Tanzorchester immer denselben Striemel spielten. So fing ich an, Beatles-Songs instrumental zu arrangieren, was eine ganz neue Dynamik mit sich brachte; auch wenn einige im Orchester darüber fluchten.

Berliner Morgenpost: In einem Interview haben Sie einmal gesagt: "Nur wenn wir unsere Grenzen kennen, finden wir Ausgeglichenheit und Zufriedenheit" - wo liegen denn Ihre Grenzen?

James Last: Das kann ich nicht sagen - aber ich habe sie Gott sei Dank noch nie übersprungen und mir in dieser Hinsicht auch noch nie die Beine gebrochen in meinem Leben. Bei meinem Bruder Werner hingegen habe ich das selbst erlebt: Der wollte unbedingt mal etwas anderes machen, eine Sinfonie schreiben, und ich habe zu ihm gesagt: Geh ein Jahr lang in die Berge, ich zahle Dir alles, und schreibe die Sinfonie. Er hat es nicht gemacht - und ich glaube, das hat ihn am Ende zerfressen.

Berliner Morgenpost: Ihnen war also immer klar, wo Ihre Grenzen lagen.

James Last: Ich spiele gern die Musik eines Vanelli oder Bizets, aber das heißt noch lange nicht, dass ich ein Vanelli oder Bizet bin.

Berliner Morgenpost: Sie haben mal gesagt, Sie möchten im Jenseits mit Mozart, Bach, Duke Ellington und John Lennon aufspielen - glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

James Last: So direkt vermag ich das nicht zu sagen - aber ist doch eine tolle Vorstellung, oder? Wahrscheinlich sagen die da oben schon: Los, nun komm' mal bald rauf. Wenn ich weg bin, bin ich weg - das Leben wird dennoch weiter gehen. Ich habe auch keine Angst vor dem Tod, das habe ich schon vor Jahren meinem Sohn gesagt: Mach Dir keine Sorgen, wenn der Alte weg ist; der hat ein tolles Leben gehabt. Natürlich wäre es toll, wenn es da oben weiterginge.

Das Konzert 02 World, Heute, 19.30 Uhr. Karten: Tel. 20 60 70 88 99.