Maler

Der junge Wilde ist in die Jahre gekommen

Berlin war "wild, wilder, am wildesten", sagt Rainer Fetting. Im Mauerschatten zeigte sich Berlin zwar als ein grau und rau zerklüftetes, aber auch geschütztes Biotop. Wenn es Grenzen gab, dann die eine aus monströsem Beton, ansonsten schien alles möglich, gerade in Künstler- und Intellektuellenkreisen.

Rainer Fetting also rannte als ein irrer Vincent van Gogh verkleidet an der Mauer entlang. Vorbei an Schriftzügen wie "Wer nicht aufbegehrt, der lebt nicht". Gelber Hut, obendrauf Kerzen, angezündet, knallrote Haushaltshandschuhe übergestülpt und mit einer zerzausten Flokati-Jacke, der man heute schon wieder hinterher pfeifen würde.

Es war die Zeit, als Fetting seine fetten Pinsel noch im Kochtopf seines Künstlerfreundes Salomé auswusch, der sich nächtens am Schlagzeug mit seinen "Geilen Tieren" die Luft aus den Lungen trommelte oder/und mit Strapsen durch die Etablissements tingelte. Es waren jene Nächte, die selten drogenfrei waren und in denen das "Exil" am Ufer konspirativer Treffpunkt war für so manche Absinth-Gelage, und wo fröhliche Tunten im Café Kranzler noch blöde Worte provozierten.

Wowereit lieh "seinen" Fetting aus

Zwanzig Jahre ist es her, dass der "Neue Wilde" Fetting seine letzte Einzelausstellung in Berlin hatte, abgesehen von abwechslungsreichen Präsentationen in der Galerie Deschler in Mitte. Nun bekommt er seinen längst überfälligen Metropolen-Auftritt in der Berlinischen Galerie, die Werke von ihm im Bestand hat, darunter das Mephisto-Porträt von Kippy alias Martin Kippenberger. Dafür lieh sogar Bürgermeister Klaus Wowereit "seinen" Fetting ("Drummer und Gitarrist") aus, vor dem er sich so gerne in seinem Amtszimmer im Roten Rathaus fotografieren lässt. Deschler zeigt ab nächster Woche "Neue Bilder". Ein schlagkräftiges Zusammenspiel: der Berliner-Bilderbogen spannt sich so von den 1970er Jahren bis hin zur Gegenwart mit den aktuellen Seebildern. "Wilde" brauchen manchmal Ruhe - zeitweise lebt Fetting heute auf Sylt.

Die Schau in der Berlinischen Galerie ist ein Knaller, nicht nur farblich, sondern weil hier ein furioses Berlin-Panorama aufgestellt wird, das nicht im melancholisch-ruppigen Klima der Vorwende steckenbleibt. Dennoch ist die Kreuzberger Ausstellung keine Retrospektive, eindeutig ist der Fokus auf Berlin gerichtet. Die Mauer, die der Künstler von seiner Wohnung am Moritzplatz aus sehen konnte, hat er in verschiedenen Annäherungen gemalt. In giftigem, "nicht freundlichem" Schwefelgelb zum Beispiel. "Man lebte ja von der Mauer umzingelt, das war Alltag mit seinen verschiedenen Stimmungen, mal gut, mal schlecht", erzählt Fetting.

Fetting baut auf seinen gewaltigen Tableaus kräftig mit am neuen Berlin. Kräne im Himmel, Baustellen, Nutten, der rückgebaute Palast der Republik, der klapprige Trabi am Alex. In seinen Bildern spiegelt sich vieles, was den Mythos der Stadt begründet: Sehnsucht, Traurigkeit, Auf- und Umbruch, Verfall, Träume und Chaos. Wie einst vibrieren die kontraststarken Farben - an malerischem Gestus jedenfalls hat Fetting nichts eingebüßt.

Das Schöne an seinen Gemälden ist, dass hier Realität, gelebtes Leben und subjektive Erfahrungen immer auch mit Entwicklungen der Kunstgeschichte zusammenfließen. Damals, 1977, als Fetting mit seinen Moritzboys anfing, im wahren Farbrausch über "die Leinwände zu donnern", da war die Malerei mausetot. Wenn gemalt wurde, dann schon gar nicht gegenständlich. Figürliches galt als reaktionär. In Deutschland war dieses Thema nach dem Nazi-Propaganda-Kitsch ein Tabu, in Ländern wie Italien war das ähnlich. Da Geschichte sich stets in Schwüngen vollzieht, war es an den Jungen Wilden, auszubrechen und sich von den akademischen Zwängen zu befreien. Und so löste sich das Konzeptuelle in heftigen Emotionen auf, aggressive Gesten sprengten die Kontur und die Farbe wurde zum symbolischen Akt.

Allerdings wird eines schnell klar: Das Label "Neue Wilde" wirkt wie ein Zwangskorsett, nur unzureichend kann es das breit angelegte Werk Fettings greifen. Deshalb reagiert dieser ziemlich gelangweilt, sobald die Rede darauf kommt. Zu trendig, mit kurzem Verfallsdatum. Das hat er selbst erlebt. Noch während seines Studiums an der Hochschule der Künste gründete er zusammen mit Salomé, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer die legendäre Selbsthilfegalerie am Moritzplatz. Oben drüber wohnte er mit seinem Lover. Die Maler vom Moritzplatz wurden fix zur Marke. Auf dem Kunstmarkt rissen sich die Sammler um die unverschämt farbstrotzenden Leinwände aus der Frontstadt, die etwa so wenig mit der Bundesrepublik zu tun hatte wie ein Elefant mit einem Geier. Höhepunkte dieses Malerei-Booms waren zwei Ausstellungen, "A New Spirit in Painting", 1981 in London, gefolgt von "Zeitgeist", 1982 in Berlin.

Dann war es schnell vorbei. In den Neunzigern präsentierte kaum ein Museum noch einen Neuen Wilden. Rainer Fetting ging Anfang der achtziger Jahre nach New York, kam erst in den neunziger Jahren an die Spree zurück. Heute ist er "wieder angesagt", wie der Künstler sagt. Nach 30 Jahren sind selbst Wilde museumsreif.

Seltsam verloren in Berlin

Fetting ist 61 Jahre, und dass man ihn erst jetzt wieder entdeckt, kommentiert er lakonisch: "Ich habe Berlin immer gemalt, doch das hat die letzten Jahre niemanden interessiert." Und als Fetting im Museum dann inmitten der urbanen Medienmeute steht, da wirkt er seltsam verloren zwischen all den Leuten und verliert den Faden beim Sprechen. Vielleicht hat er sich ja ein wenig darüber erschrocken, dass er, der einstige Mal-Aktivst vom Moritzplatz, nun selbst zum Chronisten eines Berlins geworden ist, das es längst nicht mehr gibt.

Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg. Mi-Mo, 10-18 Uhr. Bis. 12. September. Katalog: 24,80 Euro.

Galerie Deschler , Auguststr. 61, Mitte. Tel. 283 32 88. Di-Sa 12-18 Uhr. 19. 4. bis 1.7.