Schaubühne

Tolle Choreographie der urbanen Melancholie

So aufgeblasen hat man die Schaubühne noch nicht erlebt: Als Hüpfburg füllt sie sich allmählich mit Luft; später wird sie zur Lust-Matratze, auf der die Tänzer wild kopulieren. Befriedigung müssen sich die Sexschlachtenbummler woanders suchen.

Eine Tänzerin bringt das Gefummel genervt auf den Punkt: "Das ist doch nicht mein Portemonnaie, das ist meine Muschi!" Der Lacher bleibt nicht der einzige in "Berlin Elsewhere", Constanza Macras neuestem Streich mit ihrer Dorky-Park-Truppe an der Schaubühne. Nach "Brickland" und "Megalopolis" erzählt die Choreografin wieder von Menschen in großen Städten. Diesmal vor allem von Außenseitern und Anomalen.

Um Berlin geht es nicht, anders als es der Titel suggeriert. Und doch ist die Stadt allgegenwärtig als exemplarische Metropole, in der man täglich schrägen Typen begegnet. Wie Denis Kuhnerts Träumer, der sich in seinem Vorgarten eine Blumen-Oase erschafft und sich von Johanna-Elisa Lemke zum Liebesduett über die Suppe Tom Ka Gai hinreißen lässt. Oder wie jene Frau, die ihr Mobiliar vermenschlicht und den sexuellen Kontakt sucht, bis Couch und Klo Reißaus nehmen.

Hinter jeder dieser visuellen Pointen steckt eine große Melancholie - der Einsamen, Ausgestoßenen. Der Brasilianer Ronni Maciel erzählt davon, wie er für die Schwarzen immer zu weiß und für die Weißen immer zu schwarz gewesen sei. Hyoung-Min Kim berichtet, wie ihr Lehrer sie einst zu missbrauchen versuchte und dann der Klasse einschärfte, sie habe sich ihm genähert. Es gibt die alte Ost-Berlinerin, die ihre Mauer wiederhaben will, und die Koreanerin, die sich wünscht, dass einmal alle ihren Namen richtig aussprechen können. "Berlin Elsewhere" quillt über von derartigen Geschichten. Sie entgehen der Beliebigkeit, weil sie immer wieder mit vollem Körpereinsatz beglaubigt werden: Auf der Luftmatratze, den Schaumstoff-Wohntürmen und einem Rampensteg fallen, stolpern, stürzen und winden sie sich, die sieben Tänzerinnen und drei Tänzer, sie zucken und zappeln, wie von Dämonen getrieben. Mehrfach wird dieses übergreifende Tourette-Syndrom zu einem wahren Seelen- und Identitäts-Zapping, während sich auf der Leinwand im Hintergrund urbane und Natur-Landschaften abwechseln.

Auch sonst prallen Welten aufeinander. Dazu erfinden Kristina Lösche-Löwensen und Almut Lustig eine vielfältige, treibende, wie improvisiert wirkende Musik. Ergänzt werden sie vom mehrfachbegabten Ensemble: Eine Tänzerin singt Eislers Exillied vom Radioapparat, ein Tänzer schrubbt den E-Bass, ein Luther-Choral trifft auf eingängigen Pop. "Berlin Elsewhere" hat alles, was gutes Theater braucht: Witz und Drama, Ironie und tiefere Bedeutung. Auf eine angenehme Weise überfordert Macras' Abend mit seinem vielfältigen Angriff auf die Sinne, mit seiner Bilder-, Text- und Musikflut, den Übertiteln und Parallel-Handlungen. Nach gut zwei Stunden gab es dafür Jubel und stehende Ovationen.

Schaubühne Lehniner Platz, Charlottenburg, Tel. 89 00 23. Termine: 15.-17. April, 18./19. Mai.