Winnie Puuh

Im Wald unserer Kindheit

Bringen Sie Stiefel mit, wurde uns geraten, es könnte matschig sein. Aber wer befolgt schon den Rat, wenn man mit Handgepäck reist? Wir haben immerhin festes Schuhwerk an, während die zwei Damen neben uns grob fahrlässig in Pumps antreten.

Zwar meint es das Wetter gut mit uns, kein Matsch weit und breit. Aber nach nur wenigen Schritten kieksen die Damen: Überall neben dem Pfad lauern Stechginsterbüsche und machen ihrem Namen alle Ehre.

Wir befinden uns im Ashdown Forrest in East Sussex, eine gute Autostunde südlich von London. Eine zauberhafte Heidelandschaft. Und nicht irgendeine: Sie diente dem Schriftsteller Alan Alexander Milne und seinem Illustrator Ernest H. Shepard als Inspirationsquelle für ihre Kinderbuchklassiker "Pu der Bär" und "Pu baut ein Haus". Und ist heute eine Pilgerstätte für alle Pu-Fans. Die Gemeinde Whityham hat das Areal zur Gedenkstätte gemacht. Es ist erfreulicherweise kein Erlebnispark, kein Kommerzrummel. Der Hundred Acre Wood, der in Wirklichkeit viel größer ist und Five Hundred Acre Wood heißt, ist öffentlich zugänglich; und nur einzelne Stelen und Schriftplatten markieren dezent bestimmte Stellen.

Eine Geschichte hinter jedem Hügel

Der Ausgangspunkt ist Gills Lap, oder Galleons Lap, wie das in den Büchern heißt. Eine Anhöhe, von der aus man die Landschaft überblicken kann. Hier befindet sich ein kleiner Wald, "the enchanted place", die verzauberte Stelle, die so heißt, weil - laut Buch - keiner zählen kann, ob hier 63 oder 64 Bäume stehen. Von hier aus geht es zu einer einzigen Pinie; der Heffalump Trap, wo Pu einem eingebildeten Monster eine Falle stellt. Durch den Stechginster, in dem die Damen sich verfangen wie Pu in den Büchern, kommen wir zu der sandigen Grube von Känga und Ruh. Sie sieht aus wie ein Bombentrichter aus dem Krieg, unser Guide schwört aber, dass sie älter ist. Hinter jedem Hügel, jeder Grube verbirgt sich eine Geschichte.

Wer die Bücher oder die Disney-Trickfilme kennt, wird sich hier schnell vertraut fühlen. Der Hundertmorgenwald - oder Hundertsechzig-Morgen-Wald, wie er seit der Neuübersetzung von Harry Rowohlt in der genauen Umrechnung von Yards heißt -, dieser Wald also ist Kinderland. Ist Sehnsuchtsort. Und viel besucht. Von kleinen und großen Kindern.

Gleich hinter dem Wald liegt das Landhaus, in dem A.A. Milne wohnte. Hier tollte und spielte Christopher Robin, sein Sohn. Und bald ging auch der Vater hier auf Motivsuche, mit seinem Illustrator. Milne hat ja die ganze Kindheit seines Sohnes verbucht und zu unser aller Kindheit gemacht. Zu seinem ersten Geburtstag bekam Christopher Robin 1921 ein Plüschteddybär der Marke "Alpha Farnell". Er nannte sie Winnie, nach dem berühmten Schwarzbär, der damals die Besucher des Londoner Zoos im Regent's Park entzückte wie später Knut in Berlin. Aber auch Christopher Robins andere Stofftiere, Ferkel und Känga und Ru und selbst I-Ah, der Esel, dem man den Schwanz per Nagel anklemmen muss, all das fand Einlass in die Pu-Bücher.

Das hat die Welt entzückt; den Sohn freilich nicht. Der sah sich um seine Kindheit betrogen. Sein Vater sei nur deshalb so berühmt geworden, schrieb er in seinen Erinnerungen "The Enchanted Places", "weil er auf meine kindlichen Schultern geklettert ist, weil er meinen guten Namen geklaut und mir nichts als leeren Ruhm hinterlassen hat." Zeitlebens stand Christopher Robin Milne, der 1996 starb, im Schatten des Vaters - und des Teddys. Und hat sich doch mit dieser Rolle abgefunden. Als die Pu-Brücke 1979 renoviert werden musste, hat der Sohn sie eingeweiht. Wie auch 1981 eine Bronzeskulptur von Pu im Londoner Zoo. Und als der Ashdown Forest bebaut werden sollte, war er es, der das mit einer Pu-Kampagne verhinderte.

So kann man nun nach wie vor durch seine Kindheitsträume stiefeln. Wie wir stapften vor einem Jahr auch die Disney-Oberen durch die Landschaft. Disney hat ab 1966 drei Kurzfilme von "Pu" realisiert, deren Bildkraft die von Shepard noch überstrahlte. 1973 wurden sie zu einem Langfilm vereint; dem folgte eine Reihe von Fortsetzungen, meist nur auf Video und nicht mit Pu, sondern dessen Freunden als Helden. Nun aber kam gestern mit "Winnie Puuh" wieder ein Trickspaß ins Kino, der an die großen Disney-Klassiker anknüpft. Ganz alte Schule. Alles handgemalt. Mit Pinsel statt mit Computermaus.

Auch Senioren werden zu Kindern

Und im Gegensatz zu den letzten Filmen ließen sich die Macher dabei wieder von Milnes Büchern inspirieren. Und von der Landschaft. Und es sei alles "drawn from life ", wie Burny Mattinson schwärmt. Der Senior Artist von Disney ist eine echte Legende, seit 58 Jahren arbeitet er im Studio; Onkel Walt hat er noch persönlich gekannt. Nun sorgte er dafür, dass der jüngste Film dem genius loci entspricht. Es ist komisch, wenn ein 80-Jähriger genau so kindlich gerührt ist wie man selbst.

Aber Bücher und Filme haben eben Generationen begleitet und beglückt. Und auch das schmerzliche Ende der eigenen Kindheit vorbereitet. Wenn Christopher Robin am Ende von "Pu baut ein Haus" zu alt wird für die Stofftiere, heißt es: "Doch wohin ihr Weg sie auch führt, und was immer unterwegs geschieht - an der verzauberten Stelle oben im Wald wird stets ein kleiner Junge mit seinem Bären spielen." Auch wenn wir die Kindheit verloren haben: Wie gut, dass Pu uns an sie erinnert. Und der Stechginster in den Strümpfen.