Sol Gabetta

Auf einen Espresso mit jungen Virtuosen

Wer auf dem Gendarmenmarkt steht, wird den schmalen roten Teppich bemerken, der die Stufen der Freitreppe hinauf zum Schauspielhaus führt. Die Eingangstür oben tatsächlich offen. Durch eine Plastikwand kann jeder Neugierige in den Großen Saal hinein schauen und gestern Vormittag beispielsweise den Noch-Chefdirigenten Lothar Zagrosek in einer Probe beim Konzerthausorchester beobachten.

"Open" heißt auch das neue Jahresprogramm, das Sebastian Nordmann im Werner-Otto-Saal vorstellte. Der Intendant, seit 2009 im Amt, gibt es als Motto für die künftige Ausrichtung des Konzerthauses aus - es gehe um eine neue Offenheit in Programmatik, Service und publikumsnahen Formaten, sagt er. Tatsächlich hat Nordmann gestern sein erstes wirklich eigenes Programm vorgestellt. Es hat ein viel versprechendes Profil, denn während andere Musikanbieter sich in schwermütigeren Programmen und Komponisten-Jubiläen spiegeln wollen, reißt Nordmann einfach die Türen des Konzerthauses auf und schickt ein Lächeln hinaus: Die nächste Saison ist auch ein fröhliches Schaulaufen von jungen attraktiven Interpreten. Voran die blonde argentinische Cellistin Sol Gabetta, die als Artist in Residence die Spielzeit prägen soll. Sie schaute gestern vorbei, wie alle reisenden Starinterpreten kam sie zu spät und hatte ihr Cello vergessen. Es sei ihr einziger freier Tag, sagte sie lächelnd - man muss sie einfach mögen.

Rund 130 Konzerte gibt sie mittlerweile pro Jahr, dennoch, versichert sie, bedeutet ihr das jetzt in Berlin, wo sie einst bei David Geringas studierte, sehr viel. Die Eisler-Musikhochschule liegt übrigens gleich hinterm Konzerthaus. Die Residenz gäbe ihr die Möglichkeit, sagt Sol Gabetta, die verschiedenen Facetten ihres Repertoires vorzuführen. Wo sonst könne sie das? In der Saison wird sie mit dem Konzerthausorchester Cellokonzerte von Saint-Saens und Schostakowitsch spielen, mit der Pianistin Mihaela Ursuleasa ein Rezital-Programm vorstellen und in einer Kammermusik-Matinee bei den Brahms-Streichsextetten mitwirken. Wie wichtig für eine Musikstadt diese vernetzenden Residenzen für junge Virtuosen sein können, stellt sich beiläufig heraus. Sie erzählt, dass sie wegen des Angebots überlege, ob sie sich nicht eine Wohnung in Berlin nehme. Dann würde sie künftig in der Schweiz, wo sie in Olsberg ein Kammermusikfestival leitet, und in Berlin leben.

Attraktiv besetzt ist auch die neue Aboreihe "Ein Abend mit..." Diese Sängerreihe erinnert stark an den populären "Daschsalon" im Radialsystem. Sopranistin Annette Dasch ist auch im Konzerthaus mit dabei, neben Christine Schäfer, Anna Prohaska und Thomas Quasthoff. Die Sängerstars dürfen angeblich singen, quatschen, sich selbst inszenieren, so lange es der Kunst dient und dem Publikum Spaß macht. Ebenso neu sind die Espresso-Konzerte, die um 14 Uhr beginnen, nicht länger als 45 Minuten dauern sollen und bei denen im Kartenpreis bereits der Espresso enthalten ist.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, das Konzerthausorchester ist in seinen 74 Sinfoniekonzerten traditionell abendfüllend und auch schwergewichtig zugange. Insgesamt sind 32 Gastdirigenten angekündigt, darunter Dmitrij Kitajenko und Jiri Belohlavek in künftig herausgehobener Funktion, sowie Michael Gielen, Michael Sanderling oder Eliahu Inbal. Der ungarische Dirigent Ivan Fischer, der 2012 das Konzerthausorchester als Chef übernimmt, wird bereits in der kommenden Saison sechs Konzerte leiten. Sein Name wird zweifellos etwas mehr Glamour an den Gendarmenmarkt bringen. Auch die "Echo Klassik"-Preisverleihung, die Thomas Gottschalk am 2. Oktober moderiert, wird bereits von Ivan Fischer am Pult des Konzerthausorchesters geleitet.

Fischer ist auch auf der Themen-Insel "All' Ongarese" anzutreffen, die im Februar gut eine Woche lang stattfindet. Dabei erklingt unter anderem Musik von Bela Bartok, Zoltan Kodaly, György Kurtag und György Ligeti. Es geht darum, wie Ungarn wirklich klingt. Aber es sei ein Zufall, versichert man scherzhaft, dass zeitgleich dazu ein passender Chefdirigent aus Ungarn verpflichtet wurde. Was für ein schöner Zufall.