Berliner Ensemble

Ein schönes Grauen

Robert Wilson spaltet das Publikum wie nur wenige Regisseure: Für manche ist sein perfekt durchgestyltes Theater nichts als Kunsthandwerk. Die anderen lassen sich von seinen poetischen Bildern verzaubern, genießen ein Theatererlebnis, wie es kaum ein zweiter Künstler bieten kann.

Zudem vorhersehbar. Denn Robert Wilson ist verlässlich. Der 69-Jährige kultiviert seinen Stil seit vielen Jahren, variiert nur Nuancen. Seine unverwechselbare Handschrift kann man ihm nicht vorwerfen. Entscheidend ist also, ob sich der Stoff ins ästhetische Konzept einfügt oder sich widersetzt. Ob der gebürtige Texaner, der erst in Europa Karriere machen musste, um spät auch in seiner Heimat anerkannt zu werden, mit Frank Wedekinds "Lulu" eine seiner stärkeren oder schwächeren Arbeiten abgeliefert hat.

Für das Publikum stellte sich diese Frage bei der "Lulu"-Premiere am Dienstag im Berliner Ensemble nicht: Es applaudierte lange, auch ein zaghaftes Bravo war zu hören. Dabei zog sich der knapp dreistündige Abend bis zur Pause etwas hin - - trotz eines starken Auftakts: Wilson erzählt die von Wedekind als "Monstretragödie" bezeichnete Geschichte als Rückblende, als Albtraum der Titelfigur: Am Anfang steht der Mord an Lulu, anschließend kommen die Männer auf die Bühne, die sich gern von ihr täuschen ließen, die sie begehrt aber auch schamlos ausgenutzt haben. Lulu lässt ihr Leben Revue passieren. Angela Winkler ist Lulu. Das ist schon rein altersmäßig ein klares Bekenntnis: Angela Winkler hat die 60 schon eine Weile hinter sich, auch wenn sie auf der Bühne mit weiß-geschminkten Gesicht deutlich jünger wirkt. Aber als Zwanzigjährige geht sie natürlich nicht durch, aber das war auch nicht die Absicht von Robert Wilson. Lulu ist eine Kunstfigur, ohne eigene Identität. Eine Projektionsfläche für die Männer, die sie auch Elli, Eva, Mignon nennen, je nachdem, wer sie wann kennengelernt hat. Angela Winkler spielt Lulu nicht als Opfer oder Vamp (beides gängige Inszenierungsvarianten), sondern als mal kokettes, mal naives Mädchen, das in der ihr von anderen zugedachten Rolle vollkommen aufgeht. Die Männerleichen, die ihren Weg pflastern, wirken bei dieser Lulu wie ein kleiner Kollateralschaden.

Die Männer wollen Geld statt Sex

Mit einem spektakulären Bild aus dem Wilson-Kosmos eröffnet der Regisseur, der sich in seinen Arbeiten auch um die Bühne und das Lichtkonzept kümmert, den zweiten, ungleich dichteren, düsteren und stärkeren Teil des Abends: Eine ins Gegenlicht getauchte Zypressenallee, darüber schweben Kronleuchter, am Horizont steht Lulu, deren Silhouette mit den Bäumen zu verschmelzen scheint. Ein zauberhafter Anblick. Dafür wird der amerikanischen Bildermagier Wilson geliebt - oder gehasst.

Die Allee markiert Lulus Flucht nach Paris und den sozialen Abstieg, den sie aber hier gar nicht als solchen wahrnimmt. Die Männer verlangen nicht mehr nach Sex, sondern nach Geld. An Lulu perlen die Begehrlichkeiten ab wie Wassertropfen in einer Teflonpfanne. Ihre letzte Station ist London, wo sie nach Jack, dem Ripper, sucht - und ihm noch ein bisschen Wechselgeld für den Bus überlässt. Der Tod als finaler sexueller Akt. Wilson taucht diese Szene in fast völliges Dunkel, lediglich die Köpfe der Schauspieler werden spotartig beleuchtet.

Man kann neue Nuancen in Wilsons Arbeit entdecken. Er lässt selbstironische Tupfer einfließen. Jürgen Holtz, der schon in den 70er Jahren am Berliner Ensemble spielte und für Robert Wilson regelmäßig an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, wippt in der Rolle von Lulus Vater Schigolch zum rockigen, vom Blues grundierten Soundtrack von Lou Reed mit dem Fuß - selbstverständlich manieriert, wie es sich für eine Wilson-Inszenierung gehört. Alexander Lang darf als Franz Schöning, dem Strippenzieher und Betrüger, der später zum Betrogenen wird, den klassischen Wilson-Stil (Zeitlupen-Sequenzen, abgezirkelte Bewegungen, mundoffenes Staunen, ins Bedrohliche verstärkte Schritte) ein bisschen parodieren. Zu den neuen Tönen passt auch die Figur der Ruth, eine Wilson-Erfindung. Ruth Glöss irrlichtert im grauen Malerkittel über dem Ringelshirt, bei dem man sofort an Picasso denkt, durch die Inszenierung wie ein entfernter Verwandter von Puck. Als running gag auf zwei Beinen wiederholt sie die zentralen Fragen des Abends: "Warum betrügst du mich? Warum betrüg' ich mich? Warum belügst du mich?".

Die Kostüme, entworfen vom französisch-italienischen Modedesigner Jacques Reynaud, sind klassisch-edel: Es dominieren Schwarz- und Grautöne in verschiedensten Nuancen, Lulu bekommt mit armlangen, grünen Handschuhen ein bisschen Farbe spendiert. Selbstverständlich passen die als Pyramide aufgestapelten Spargelstangen - dieses etwas abgenutzte Phallussymbol - farblich perfekt dazu.

Die Erstfassung von Wedekinds Stück entstand zwischen 1892 und 1894. "Der Erdgeist" wurde 1898 uraufgeführt, die anschließende Überarbeitung unter dem Titel "Die Büchse der Pandora" brachte dem Autor wegen Prostitution und Lustmord Ärger mit der Zensur und einige Prozesse ein. Dass sich in der Tragödie eine kleine Boulevardkomödie versteckt, legt der Regisseur mit einer geradezu verspielten Schiebtür-auf-Liebhaber-raus-Gatte-kommt-Nummer hübsch frei.

Gesungen wird auf Englisch, Georgios Tsivanoglou preist sich mit Verve in der Rolle des Rodrigo als "ein Geschenk für die Frauen dieser Welt an". Wer die Texte nachlesen will, bekommt Original und Übersetzung zum Programmheft dazu. Musik spielt eine wichtige Rolle bei Wilson, legendär der Tom-Waits-Sound im "Black Rider", aber auch Herbert Grönemeyer überzeugte in "Leonce und Lena". Für "Lulu" hat jetzt Lou Reed die Songs komponiert. Wahrscheinlich erscheint bald eine CD oder DVD. Womit wir wieder bei den Wilson-Hassern wären, denen solche Vermarktung ein Graus ist. Die anderen nehmen den Soundtrack als Erinnerung an einen ästhetisch ausgefeilten Theaterabend gern mit. Auch wenn diese "Lulu"-Inszenierung auf der Wilson-Skala keinen Spitzenplatz belegt.

"Seit ich mit Goll verheiratet war, habe ich jede Nacht tanzen müssen - halbnackt"

Lulu, Figur aus dem Drama von Frank Wedekind