Konzert

Als säße er in der Badewanne

Bevor Till Brönner auf die Bühne tritt, wird seine glänzende Trompete in den Saal getragen wie eine Monstranz. Eine Blondine bettet sie auf den Konzertflügel. Sechs Musiker besetzen ihre Instrumente, sie beginnen vor sich hin zu musizieren, lächelnd schreitet Brönner mit einem antiken Flügelhorn herbei und bläst gepflegt hinein. Im Bühnenbild erscheinen Schneeflocken in blauem Licht: Es handelt sich um kühlen Jazz.

Nachdem die Band sich warm gespielt hat, fängt ihr Leiter an zu singen. Erst "I'm Through With Love", das Marilyn Monroe schon in "Manche mögen's heiß" gehaucht hatte, und dann "Summer Breeze" von Seals & Crofts, ein fast vergessener Hit aus dem Jahr 1972.

Brönners tonloser Gesang hallt durchs bestuhlte Tempodrom. Er hat es früher schon versucht, sein erstes Liederalbum hieß "That Summer", und nicht wenige haben dem Bläser damals dringend davon abgeraten, als Chet Baker von Berlin zu enden. Es ging allerdings nie um die Stimme, sondern um die Haltung. Brönner tut es nicht, weil er es kann, sondern weil niemand da ist, der es ihm verübeln wollte. Ein Trompeter, der den Jazz in Deutschland wieder unters Volk gebracht hat und ins Fernsehen, darf auch "And I Love Her" von den Beatles singen als säße er in der Badewanne.

Seit Till Brönner neben Sarah Connor in der Sendung "X Factor" als Juror engagierte Laien tadelt und ermuntert, sind auch die Konzertbesucher nicht nur am verwegenen Trompetensolo interessiert. Vernehmlich wird geseufzt, wenn er behutsam pustet. Zieht das Tempo etwas an, beim Bossa Nova, tanzen Frauen im Sitzen. Brönner strahlt die Würde des studierten, staatlich anerkannten Bläsers aus. Er ist erst 39 Jahre alt. Er hat im Bundesjazzorchester mitgewirkt und Narben um den Mund vom täglichen Trompeten. Doch der Jazz, wie ihn die älteren Männer in den Cordanzügen sehen, war ihm immer schon zu eng und schlecht bezahlt. Vor einer Woche hat er kurzerhand in Koblenz einen Auftritt abgesagt, als ihn das Fernsehen rief.

Über der Bühne hängen Lampen, die wie leuchtende Brillanten wirken. Wenn Till Brönner spielt und singt und sagt, er wolle jeden mitnehmen auf seine Reise, läuft die Jazzgeschichte rückwärts. Es geht um eine Musik, die heute noch bevorzugt in der Luxusgüter-Werbung eingesetzt wird, aber auch wieder als Popmusik verstanden werden möchte wie vor 1960, als sie noch nicht akademisch außer Form geriet. Sie ist nicht elitär, und sie regt keinen auf. Die Mitwirkenden kriegen ihre Soli zugeteilt. Während sie blasen, zupfen, tasten oder trommeln, steht Till Brönner großzügig daneben, lässt das Kondenswasser aus dem Mundstück laufen und zeigt sich zufrieden mit der Arbeit seiner Band. Er weist die Zuschauer mit Augenaufschlägen und eleganten Gesten auf gelungene Passagen hin. Vor allem, wenn sein Holzbläser improvisiert, der Schwede Magnus Lindgren. Aber Brönner freut sich auch über die zuverlässigen Veteranen, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner, die an Bass und Schlagzeug ihren Dienst verrichten. Dafür singt ihr Leiter seltener an diesem Abend als auf "At The End Of The Day", dem Album zur Juroren-Tätigkeit.

Es geht gesittet zu und cool, bis Bryan Baker, Brönners 25 Jahre junger Gitarrist, in zügellose Rockmusik verfällt. Bis Saiten reißen, Stecker aus Verstärkern fliegen und besorgte Techniker zu Hilfe eilen. Bis die Gäste irritiert verfolgen, wie ein heißblütiger Musiker in echte Raserei verfällt und sein Instrumentarium wie von Sinnen mit den Füßen tritt. "Wenn Sie Ihren Spaß hatten, kaufen Sie sich übermorgen die Zeitung und lesen sie nach, wie es wirklich war", empfiehlt Till Brönner (immer ein guter Tipp). Anfangs spielte er Einbauküchen-Jazz, am Ende ein Konzert.