Literatur

"Bevor man etwas sagt, muss man schweigen"

Einmal im Monat lädt die Akademie der Künste am Pariser Platz zum Fünf-Uhr-Tee mit Gesprächen über Theater und die Welt. An diesem Sonntag wurde dort die Edition "müller mp3" präsentiert, ein Audiobuch mit 36 Stunden O-Ton Heiner Müller.

Texte, Interviews, Reden, die größtenteils noch nicht in gedruckter Form vorliegen. Drei Jahre hat die Herausgeberin und Heiner Müller-Expertin Kristin Schulz recherchiert und herausgekommen ist eine beeindruckende Sammlung, die Müller in Reinform zeigt.

Doch bevor es die ersten Hörproben gibt, erinnern sich auf dem Podium der Dramaturg Alexander Weigel und die Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich an den Theatermann Heiner Müller. Viel ist von seiner Ruhe die Rede, die allerdings manchen Schauspieler in die Verzweiflung getrieben hat. Die Regieanweisungen waren spärlich und nicht immer für jeden verständlich. Die Ansage "Sie müssen das sprechen wie kaltes Feuer" dürfte selbst für den größten Profi eine Herausforderung gewesen sein. Er sagte einmal: "Der Alptraum bei Schauspielern ist, dass sie immer versuchen Übergänge zu spielen. Es gibt aber keine Übergänge."

Müller wollte so wenig Spiel wie möglich. Die Texte sollten nicht überlagert werden von Ausdruck, von einem Ausdruck, der die Texte platt walzt, wie Margarita Broich es sagt. Diesen Anspruch hat Heiner Müller selbst in seiner Vortragsweise zur Perfektion getrieben. Alle Wirkung überlässt er den Worten. Auch in seinen Interviews ist das hörbar. Er spricht langsam, zieht an der Zigarre, denkt. "Bevor man etwas sagt, muss man schweigen. Es muss entstehen" zitiert ihn Alexander Weigel. Er sagt, es gibt etwas zu lernen aus diesen Gesprächen: Die Kraft der Argumente und die Nichtnotwendigkeit von Zorn und Eifer.

Als im Saal eine Aufnahme eingespielt wird, die kurz nach Müllers Speiseröhren-OP 1994 entstanden ist, ist das kaum zu ertragen. Als liege die Narbe direkt auf seiner Stimme. Beim Hören zieht sich der eigene Brustkorb zusammen, wenn er spricht: "Das Leben gerettet wozu? Für ein Kind, eine Frau, ein Spätwerk? (...) Der Tod ist das Einfachste. Sterben kann ein Idiot." Es ist lange still danach. Margarita Broich stockt sichtlich der Atem. Besonders bei ihren Erinnerungen wird deutlich, wie präsent Heiner Müller immer noch ist. Seine Sprache, sagt sie, sei eine, die zu heiß gewaschen wurde. Die Texte sind so dicht, dass man sie immer wieder hören kann und immer wieder etwas Neues hört. Und als Heiner Müller schließlich über die gesamte Etage ertönt, stellt sich genau dieses Gefühl ein, dieser Wunsch ihn immer wieder und immer wieder von vorn zu hören. Auf der Terrasse der ADK bleiben einzelne Worte in der Luft hängen: Die Wahrheit ist konkret. Ich atme Steine. Herzfleisch.

Jürgen Kuttner hat es wohl am treffendsten formuliert, als er sagte: "Müller ist der beste Sprecher seiner Texte, weil er nicht so tut, als er ob sie versteht."

Kristin Schulz (Hrsg.): müller. mp3, 4 mp3-CDs und ein Begleitbuch (192 Seiten) im Schuber Alexander Verlag, Berlin, 2011