Politisches Kabarett

Lieblingsbegriff "Verblödung"

| Lesedauer: 6 Minuten
Eric T. Hansen

Das Problem mit den Deutschen ist nicht, dass sie keinen Humor haben. Das Problem ist, dass sie zu viel Humor haben. Es gibt niemand, der nicht in der Lage ist, spontan einen Witz über Guido Westerwelle zu reißen.

Jeder, der jemals einen Stammtisch besucht hat, kann eine gesellige Runde zum Schmunzeln bringen, indem er die Kanzlerin Merkel "Angie" nennt und damit seine schnoddrige Respektlosigkeit beweist.

Das hört sich toll an, ist aber nicht, denn es macht Deutschland zu einem besonders schweren Pflaster für politische Kabarettisten: Egal, welche Witze man auf die Bühne bringt, es werden Witze sein, die der Zuschauer schon letzte Woche selber am Stammtisch gebracht hat.

Hochzeitsnacht als One-Night-Stand

Nehmen wir das neue Hochglanz-Programm von der Distel, das vorgestern vor ausverkauftem Haus Premiere hatte: "Blonde Republik Deutschland". Die Distel sowie ihr künstlerischer Leiter Martin Maier-Bode, der auch beim neuen Stück als Autor und Regisseur fungiert hat, gehören zum Besten, was politisches Kabarett in Deutschland zu bieten hat. So ist es Ehrensache, dass er nicht einfach lauter alte Blondinnenwitze aus den 90ern ausgräbt und basta - nein, er verpackt sie in Form eines gregorianischen Gesanges. Auch die Drei-Personen-Truppe auf der Bühne waren ganz die Profis. Bei Maja Elsenhans' trockener Feststellung, im Berchtesgadener Land gelte die Hochzeitsnacht als One-Night-Stand, muss man schon kichern.

Überhaupt, das Programm war immer dann am besten, wenn es das politische Gefilde verließ. Das süße, harmlose Lied "Papa darf ich 'ne Kugel?" von Sören Sieg ist nichts weiter als ein Gespräch zwischen zwei schelmischen Bengeln und ihrem strengen Papa, der in der Frage, wie viele Kugel Eis genau kriegt jedes Kind, am Ende das Nachsehen hat. Bescheiden, unpolitisch und herzlich.

Das war auch der Moment, als sich eine leise Unruhe einstellt. Man erkennt: Diese politische Kabarett ist gut gemacht. Man fragt sich: Aber ist ein Kalauer auf den Namen "Brüderle" heute wirklich so witzig?

Politisches Kabarett wird in Deutschland seit Kriegsende gespielt und in dieser Zeit hat sich wenig am Witz und Thema verändert. Da kann an der Theaterkasse vorhersagen, welche Themen und Witze man gleich zu hören bekommen wird:

Merkels neuerliche Wende in der Atompolitik muss als heuchlerischer Trick entlarvt werden, obwohl wir das schon wussten. Beim Thema "blond" werden die neuen Superweiber in der Politik veräppelt, die gleichzeitig unmäßig Kinder und beruflichen Erfolg haben, als ob das Thema noch nie in den Feuilletons besprochen wurde. Über Guido und Karl-Theodor muss hergezogen werden, auch die Namen Dieter Bohlen und Daniela Katzenberger dürfen nicht fehlen, am besten im Zusammenhang mit jenem kabarettistischen Lieblingsbegriff "Verblödung".

Überhaupt, "Verblödung": Das zusammenfassende Thema der rund 30 Sketche und Songs in der Distel war, dass heute "blond" - also "doof" - wieder "in" ist, und dass wir alle ein bisschen "blonder" werden sollten. Das ist übrigens ironisch gemeint: Jedes Kabarettprogramm muss irgendwie ausdrücken, dass das linke Bildungsbürgertum, aus dem die Zuschauer sich zusammensetzen, intelligent sei, während alle anderen, vor allem die Unterschichten, die Unterschichtenfernsehen gucken, doof seien. Das einzige Anhaltspunkte, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden, waren die gelegentlichen und allzu kürzen Anflüge von Selbstironie, wie in der schmissigen Bürgerhymne "Ich wäre so gern ein Wutbürger".

Auch das emotionale Fundament ist klassisch: die Empörung über ein Land, in dem alles schief läuft, weil es nicht auf seine Kabarettisten hört; die Selbstverpflichtung des Kabarettisten, seine Zuschauer wachzurütteln und eindringlich mit der unangenehmen Seite dieses angenehmen Landes zu konfrontieren; und, dass "links" gleich "gut" ist, da braucht man nicht mehr groß hinterfragen.

Politisches Kabarett ist wie Bayreuth oder das Oktoberfest: Ein Ritual, das sich in den letzten hundert Jahren nicht geändert hat und dies auch in den nächsten hundert Jahren nicht tun wird. In Oberammergau weiß man, dass die Show nicht zu Ende ist, bis Jesus auferstanden ist; in der Prunksitzung des Kölner Karnevals weiß man, es ist nicht vorbei, bis ein bärtiger Mann in einem schlecht sitzenden Kleid die Bühne erklimmt. Im politischen Kabarett weiß man, es ist nicht zu Ende, bis man die wohlige, diffuse Angst erfüllt wird, dass diese verkommene Gesellschaft demnächst zusammenbricht.

Das erklärt, warum kaum junge Leute im Publikum saßen. Sie brauchen dieses künstliche Gefühl nicht, dass alles in Kern faul ist. Das bedeutet nicht, dass sie politisch desinteressiert sind. Sie finden bloß, dass politisches Kabarett mit seinem ständigen halbwitzigen Geschimpfte und der linientreuen Ideologie für sie nicht mehr relevant ist. Es ist nicht ihre Schuld - es ist der Schuld der Kabarettisten, die nicht für ein modernes Publikum schreiben.

Künstliche Nostalgie

Das merkt man spätestens, wenn man sich nach der leidenschaftlich gespielten Predigt von Dagmar Jaeger gegen die Regierung und gegen die Wirtschaft ("Ich fühle mich schlecht regiert! Ich fühle mich Scheiße regiert!") fragt: Warum eigentlich? Genaue, überzeugende Gründe, warum sie unter der deutschen Regierung so leidet, gibt sie nicht an.

Allerdings braucht der erfahrene Kabarett-Besucher auch keine Grunde: Es handelt sich bloß um kabarettistische Tradition. Politisches Kabarett ist Unterhaltung für Menschen, die heimlich noch den Kick brauchen, sich mal wieder wie damals in den 70ern anständig aufregen zu können.

Allerdings muss man einsehen, dass eine gewisse künstliche Alarmismusnostalgie eine Funktion in der Gesellschaft hat.

Es gab immerhin eine Zeit, in der Gefahren wirklich drohten, wie es heute im dem Masse in Deutschland kaum mehr vorkommt. In der Steinzeit, im Mittelalter und im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel diente die ständige Furcht vor allem, was sich bewegt oder einen regieren will, einem evolutionären Sinn: Wer ständig auf der Hut war, überlebte.

Morgenpost-Autor Eric T. Hansen Er wurde 1960 in den USA geboren, lebt in Berlin. Er hat für "The Hollywood Reporter" und "Variety" geschrieben, war auf RadioEins mit seiner Kolumne "Planet Berlin" zu hören und schreibt Bücher, jüngst "Nörgeln! Des Deutschen größte Lust".