Kongress in Berlin

Macht uns das Internet zu Materialisten?

| Lesedauer: 3 Minuten
Laura Ewert

"Mit Getränk schon mal gar nicht", raunzt eine junge Frau mit Headset im Ohr, als man um 9. 31 Uhr den Konferenzsaal 2 des Haus der Kulturen der Welt betreten will. Wehe dem, der am Samstagmorgen zu der Zeit seinen Frühstückskaffee noch nicht ausgetrunken hat und einen Vortrag zur medialen Konstruktion des Stadtteil Neuköllns besuchen will.

Die Tür ist zu, der Saal ist voll, das Thema zu interessant, für die, die die Macht der Medien gern kritisch betrachten oder sich an ihrer Macht berauschen mögen.

Außerdem im Angebot zu der Zeit auf dem Medienkongress, veranstaltet von den Zeitungen taz und Freitag: Stuttgart 21 und Fukushima. Im Theatersaal hält Ranga Yogeshwar einen Vortrag zur Situation in Japan und der Betrachtung in den Medien. Er ist früh aufgestanden, erzählt er, um die neusten Daten aus dem Reaktor zu besorgen. Er habe viele E-Mails bekommen, mit Vorschlägen, wie Fukushima zu retten sei. Crushed-Ice etwa. "Warum haben wir das Internet nicht offensiver genutzt und ein Wiki aufgemacht, in das Menschen Vorschläge schreiben konnten?"

Dann macht Yogeshwar einen guten Scherz. Er spricht von den neuen Bundesländern, die er nach 20 Jahren nicht mehr als neu bezeichnen wolle, denn über seine Frau, mit der er 20 Jahre verheiratet ist, sage er ja auch nicht, sie sei seine neue. Ähnlich verhält es sich mit dem Internet, das in den über 30 Gesprächsrunden und Vorträgen des Tages immer wieder Thema ist und darin oft als neu und unheimlich begriffen wird. Dabei ist das Surfen in den Weiten des Netzes wahrlich nicht neu.

"Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt", so der Titel des Kongresses, aber man wird den Eindruck nicht los, dass sich die Wenigsten vorstellen können, was mit der Medienrevolution überhaupt anzufangen ist. Schließlich muss man sich noch immer die Frage beantworten, ob es nun gut oder schlecht ist, dieses Internet. Es scheint eine geheime Formel zu geben, wann auch immer man über die sogenannten neuen Medien spricht, an Punkt X wird von der Twittermeldung gesprochen, in der jemand schreibt, dass er gerade Kaffee trinke. Das soll so viel heißen wie: steht eh nur Mist drin. Dass die Inhalte von Menschen gemacht werden, scheint vergessen. Die Publizistin Isolde Charim sagt dann: "Gerade in letzter Zeit haben wir doch erlebt, dass das Internet positive Wirkung hat." Sie meint Nordafrika. Die Gesellschaft sei eben unterteilt in Netz-Utopisten und Netz-Apokalyptiker, stellt die taz-Redakteurin Tania Martini fest. Und dazwischen? "Die alten Verhältnisse, wie wir sie suchen, funktionieren so nicht mehr", sagt Mercedes Bunz vom Guardian einen typischen Podiums-Satz und spricht von "der Linken", als wäre das noch eine homogene Gruppe.

Am Abend sagt Rainer Langhans: "Das Netz ist ohne Kapitalismus". Eine junge Frau hingegen glaubt, das Internet habe uns erst zu den Materialisten gemacht, die wir sind. Dass man heute noch nicht begreift, dass digital und analog selbstverständlich miteinander verzahnt sind, verwundert. Wir brauchen noch eine Menge mehr Medienkongresse.