Interview mit Michel Houellebecq

"Ich habe keine Lust mehr auf Sex"

Bei unserem letzten Treffen war er noch kein Star, eher ein Geheimtipp. Das war vor zehn Jahren. Gerade war sein zweiter Roman "Elementarteilchen" erschienen, der seinen Ruf als enfant terrible der französischen Gegenwartsliteratur begründete.

Damals zitierte Michel Houellebecq seinen Gesprächspartner in ein simples Café Tabac hinter dem Pantheon von Paris, genauer: in der Rue Mouffetard. Über einem Sandwich und einem Rotwein, der alles andere als hochpreisig war, nickte der Romancier immer wieder ein und ließ die Asche seiner unvermeidlichen Zigarette auf den Teller fallen.

Seinen Lastern ist er treu geblieben. Weil ihm als Raucher ein Mittagessen im Berliner Vorzeigerestaurant "San Nicci" nicht zuzumuten sei, wie die Pressedame des DuMont Verlags befindet, findet das Interview in einer Raucherlounge des Hotels "The Regent" am Gendarmenmarkt statt. Ein Gedeck mit eingetrocknetem französischem Gebäck steht auf dem Kaffeetisch. Es schmeckt, als hätte es der weltberühmte Autor vor Tagen aus Paris mitgebracht. Der Meister selbst erscheint im unvermeidlichen Parka. In der Hand hält er eine demi-bouteille Champagner (Roederer), den er ungeniert aus der Flasche genießt. Des Weiteren nimmt er einen doppelten Espresso zu sich und steckt sich drei Mal in einer Stunde eine Zigarette an. Er sieht abgemagert, spitz geworden aus. Mit ihm sprach Tilman Krause

Berliner Morgenpost: Wie schön, Sie wiederzusehen - nach zehn Jahren.

Michel Houellebecq: Aber ich bin nicht mehr derselbe. In meinem Leben hat sich viel verändert.

Berliner Morgenpost: Das merkt man. Ihr neuer Roman ist so menschenfreundlich, so weich und weise.

Michel Houellebecq: Finden Sie das auch? Der mittlere Teil, in dem ich die große Zeit des Malers Jed Martin beschreibe, ist doch die pure Poesie. Da ist mir wirklich was geglückt.

Berliner Morgenpost: Ein echter Wendepunkt in Ihrem Werk.

Michel Houellebecq: Unter uns, es ist vor allem ein Wendepunkt in meinem Leben.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Michel Houellebecq: Die Libido hat sich verflüchtigt.

Berliner Morgenpost: Was, Sie haben keinen Sex mehr? Ihre Figuren bedienen sich doch so munter der Methoden zur Kontaktanbahnung, die das Internet ermöglicht.

Michel Houellebecq: Es geht nicht um Sex. Sex hat man immer. Aber ich habe keine Lust mehr auf Sex. Ich zwinge mich natürlich dazu, das erfordert schon die Hygiene, aber er ist mir ganz gleichgültig geworden. Ich denke auch definitiv zu viel an den Tod.

Berliner Morgenpost: Was ist die Alternative zu Sex? Sammelt man Mokkatassen, kauft man Kunst? Spielen Sie schon Golf?

Michel Houellebecq: Nein, das ist es ja: Man macht gar nichts. Nichts tritt an die Stelle. Eine große Leerstelle gähnt einen an. Man verliert die Lust am Leben.

Berliner Morgenpost: Sprechen wir über Ihren neuen Roman "Karte und Gebiet". Der spielt im Künstlermilieu, unter Malern, Galeristen, Sammlern. Was fasziniert Sie an diesem Milieu?

Michel Houellebecq: Na, die armen Schweine haben es ja noch schwerer als unsereiner.

Berliner Morgenpost: Arme Schweine? So mancher Künstler verdient doch heute mehr als ein Manager.

Michel Houellebecq: Das sind nur wenige. Die im Dunklen sieht man nicht. Nein, diese Kollegen tun mir wahnsinnig leid. Dass die sich überhaupt aufraffen, um etwas zu schaffen, bewundere ich. Die arbeiten ja auf einem völlig undemokratischen Feld, es ist das letzte aristokratische System. Die Künstler müssen dem Geschmack ihrer Sammler entgegenkommen. Und das sind ganz wenige. Als Schriftsteller, Musiker oder Schauspieler erreicht man viel mehr Menschen, bekommt mehr Rückmeldungen.

Berliner Morgenpost: Sie auch?

Michel Houellebecq: Und ob. Ich kann mich inzwischen vor Mails nicht mehr retten. Und ich bin ohnedies in den letzten zehn Jahren in Frankreich wahnsinnig verwöhnt worden: Die Kritiken haben mich, teilweise in erstaunlich intelligenten Beiträgen, gelobt. Und massenhaft gelesen wurde ich auch, in hohen Auflagen verkauft.

Berliner Morgenpost: Das ist doch toll.

Michel Houellebecq: Das war toll. Das alles geht jetzt zu Ende. Die Kritik und das Publikum treten immer stärker auseinander.

Berliner Morgenpost: Gleich am Anfang lassen Sie Ihre Hauptfigur Jed Martin an einem Doppelporträt von Jeff Koons und Damien Hirst scheitern. Was bedeuten Ihnen diesen beiden?

Michel Houellebecq: Sie stehen für zwei Extreme: das Heitere, Lebenszugewandte hier, das Düstere, Todessehnsüchtige dort.

Berliner Morgenpost: Bewundern Sie die beiden?

Michel Houellebecq: Nein.

Berliner Morgenpost: Wen Sie ebenfalls definitiv nicht bewundern, wen zumindest Michel Houellebecq im Roman nicht bewundert, ist Picasso.

Michel Houellebecq: Natürlich nicht. Das war ein Schmierant.

Berliner Morgenpost: Überhaupt lassen Sie an der Moderne kein gutes Haar.

Michel Houellebecq: Warum auch? Die Moderne war wahrscheinlich ein großer Irrtum. Ein Irrtum, der viel Energie, viel Lebenslust, viel Optimismus gebunden hat. Aber einen Optimismus, der doch ziemlich idiotisch war.

Berliner Morgenpost: Können Sie ein Beispiel geben?

Michel Houellebecq: Na, am anschaulichsten wird es doch in der Architektur. In den drei gloriosen Jahrzehnten, sagen wir von 1950 bis 1980, wurden so abenteuerliche Scheußlichkeiten gebaut, dass man sich heute nur an den Kopf fasst. Aber das ist noch nicht einmal das Befremdlichste. Das Befremdlichste ist ja, dass die Leute die Monstrositäten von, sagen wir, Le Corbusier auch noch toll gefunden haben. Man fand das zukunftsweisend, human. Unglaublich, aber wahr. Die Menschen waren auf eine stupide Weise davon überzeugt, es gehe aufwärts. Denken Sie an die Popmusik, denken Sie ans Kino, an die politischen Utopien: überall diese Fortschrittsgläubigkeit, so naiv, aber auch von einem beneidenswerten Elan.

Berliner Morgenpost: Es ging aber bergab?

Michel Houellebecq: Natürlich. Und jetzt stehen wir da, ohne Ressourcen, ohne Arbeit. Zumindest Europa befindet sich in einem absoluten Niedergang.

Berliner Morgenpost: Aber ein Museum für Lebensart, als das Sie in Ihrem Roman das zukünftige Frankreich beschreiben, ist doch eine feine Sache.

Michel Houellebecq: Das mag sein. Aber es ist zutiefst dekadent, es ist nicht mehr produktiv.

Berliner Morgenpost: Dafür blüht in Frankreich das intellektuelle Leben. Ihr Freund Bernard-Henry Lévy läuft im Zeichen der Erneuerung Nordafrikas wieder auf zu großer Form.

Michel Houellebecq: Ich mag ihn persönlich ja sehr gern. Aber er nimmt den Mund ein wenig voll mit seiner Begeisterung für die Aufständischen. Ich persönlich bin für mehr Egoismus. Was nutzt es uns, wenn wir die alle unterstützen? Was hat Frankreich davon?

Berliner Morgenpost: Nun, Nicolas Sarkozy kann die Rolle des Einpeitschers spielen, der sich die Sache der Unterdrückten auf die Fahnen schreibt.

Michel Houellebecq: Weil es nichts kostet.

Berliner Morgenpost: Wie meinen Sie das?

Michel Houellebecq: Libyen kostet Frankreich nicht viel. Nicht an Material, nicht an Menschen. Da kann man sich dann Idealismus leicht gestatten.

Berliner Morgenpost: "Karte und Gebiet" hat den Prix Goncourt erhalten. Kommt nun der Nobelpreis?

Michel Houellebecq: Ich höre immer Nobelpreis, Nobelpreis. Le Clézio hat ihn doch gerade erst bekommen. Da setzt jetzt Frankreich erst mal mindestens 15 Jahre aus. Was wird in 15 Jahren sein? So weit kann und will ich gar nicht denken. Vielleicht bin ich dann längst tot.

Berliner Morgenpost: Sie entwickeln viel Zärtlichkeit für die Beschreibung von Jed Martins Liebesgeschichten. Sogar eine vorsichtige Männerfreundschaft gönnen Sie ihm - mit Ihnen, mit dem Michel Houellebecq im Roman.

Michel Houellebecq: Und mit meinem Freund François Beigbeder. Ist das nicht rührend, die Szene, im "Café de Flore", wo Beigbeder sein Koksdöschen zückt und Jed ins Gewissen redet, er dürfe Olga nicht ziehen lassen? Das hat auch meine weiblichen Leser berührt.

Berliner Morgenpost: Vielleicht ist es das, was an die Stelle von der Lust am Sex tritt: Behutsamkeit, Fürsorglichkeit?

Michel Houellebecq: Sie suchen nach einem versöhnlichen Schlusswort. Na gut, wenn Sie es unbedingt so sehen wollen: Mehr Aufmerksamkeit für diese Art Gefühle gibt es in der Tat, wenn die Libido nachlässt.