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Schmarrn: Der neue Tatort ist Sozialkitsch aus München

Da schau her: München kann sehr kalt sein. Eines Morgens holt Gerd Zach sein Jagdgewehr aus dem vorschriftsmäßigen Waffenschrank, packt eine Schachtel Munition dazu und fährt zur Tankstelle eines Großmarkts.

Dort wird er mit dem eigenen Gewehr erschossen und von einem Mädchen gefunden, das zufällig den Hof passiert. Die 13-jährige Nessi (Laura Baade) ist pummelig, hat keine Freunde und wird von Jugendlichen im ärmlichen Ostend-Viertel verspottet. Die Zeugin ist so verstört, dass sie nicht mit den Kommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sprechen mag. Hat sie den Mörder gesehen?

Leitmayr begleitet das Mädchen in die Siedlung, in der es mit der alkoholsüchtigen Mutter Tini (Katja Bürkle) wohnt. Die verlässt kaum noch die Wohnung, schluckt Schmerztabletten und dämmert vor dem Fernseher auf dem Sofa. In derselben Altbausiedlung war Gerd Zach karitativ bei einer Lebensmittelausgabe für Hartz-IV-Empfänger tätig - die Schlange der Bedürftigen reicht über den Garagenplatz. Zach selbst wohnte im schönen München-Bogenhausen, hatte seiner Frau aber verschwiegen, dass er von der Konservenfirma entlassen worden war. Leonie (Angela Ascher) ist ein verwöhntes, gelangweiltes Früchtchen, das sich mit einem Geliebten verlustierte, während der Mann seine prekären Verhältnisse verbarg. Der Verdacht fällt auf den arbeitslosen Mechaniker Rudi Kandler (vierschrötig: August Schmölzer), den Personalchef Zach einst entließ.

Schon klar, in "Jagdzeit" sollen die Schattenseiten Münchens gezeigt werden; Autor Peter Probst trägt dick auf und bringt noch ein bisschen Schickeria hinein. Regisseur Peter Fratzscher filmt mit der Verve eines Fleischerhundes: Dass die beiden Polizisten stets Dialektbegriffe bei einem Quiz im Autoradio raten, passt wunderbar zu der somnambulen Trägheit, mit der sie diesen schleppenden Fall bearbeiten. Auf die Frage der verpennten Mutter Tini, ob er denn wisse, wie es den Hartz-IV-Empfängern geht, antwortet Leitmayr: "Ich bin kein Politiker." Die labile Frau antwortet: "Aber ein Mensch sind Sie schon, oder?"

Es menschelt gewaltig in diesem Sozialstück, doch außer den kargen Häuserfassaden stimmt fast nichts. Essensausgabe in einem Hinterhof, betrunkene Stadtstreicher auf Parkbänken, ein Mädchen, das neben der Schule arbeitet und sich über die Repressalien nicht beklagt: Der Film tut den schäbigen Münchner Vierteln Unrecht. Die Ermittler tapern wie Grauhaarlumpis ohne Bezug zu solchen Problemen durch die Quartiere. Die angebliche "Jagdzeit" wird erst im Epilog wieder aufgenommen und taugt nie und nimmer als Metapher für die Filmhandlung. Denkbar wäre: "A Schmarrn."

Tatort: Jagdzeit ARD, 2015 Uhr