Kunstsache

Man gönnt sich ja sonst nix: Malen mit Kaviar

Ich schaue gern immer mal bei Contemporary Fine Arts vorbei, um zu sehen, wie die Künstler mit dem repräsentativen Ambiente der DavidChipperfield-Räume umgehen.

Georg Herold, zum Beispiel: Seine aktuelle Ausstellung überraschte mich. Der früher gern als "Der Künstler mit den Dachlatten" apostrophierte Herold bewegt sich für seine Verhältnisse fast schon in Richtung Marmor. Fünf Frauen liegen auf Podesten, wie immer aus Latten grob zusammengehauen. Bei vieren hat der Künstler die Körper mit Leinwand überzogen und sie blutrot, dunkellila, giftgrün und knallorange gemalt. Die fünfte bleibt nackt und trägt nur eine Strumpfhose. Die klapperigen Damen räkeln sich nun so verführerisch wie Akte von Aristide Maillol. Dieser Wille zu Musealität spiegelt sich in den Überformaten, die Herold wie immer mit Kaviar gemalt hat. Nur diesmal eben auf vier mal sechs Meter. Ich schätze Herolds Humor. Hier wollte er mal richtig Ernst machen. Interessante Entwicklung, und es passt ganz gut, dass die Preise gerade steigen. Bei 150 000 Euro für die Skulpturen und 300 000 bis 350 000 Euro für die Großformate ist Herold kein Schnäppchen. Aber immer noch unterbewertet. (Bis 21. April, Am Kupfergraben 10, Mitte)

Kasemir Malewitsch malte 1915 ein schwarzes Quadrat. Allan McCollum hat seit 1978 Hunderte schwarze Quadrate gemalt. Dem einzelnen Bild traut er anscheinend nicht. Als Konzeptkünstler produziert der US-Amerikaner Werkserien, die jedoch bisweilen den Betrachter so fesseln, als hätte er die Mona Lisa noch einmal geschaffen. Beim Besuch von McCollums Schau "Each and Every One of You" in der Galerie Thomas Schulte machte ich jedenfalls die ungewohnte Erfahrung, dass sich hinter meinem Rücken Schulkinder, Teenager und Rentner die Nase am Schaufenster plattdrückten. Was sie anlockt, ist die Hoffnung, auf der neun Meter hohen Galeriewand sich selbst zu entdecken. 1200 Namen hat der Künstler jeweils einzeln in Weiß auf schwarze Blätter Papier gedruckt und gerahmt. Es sind die 600 häufigsten Namen für Frauen und für Männer in den USA, erhoben nach den Auswertungen des Einwohnermelderegisters und nach Popularität geordnet: von Mary bis Janine, von James bis Quinton. McCollums Werk ist so elegant wie effektiv - zugleich Querschnitt durch die Gesellschaft und stimmiges Bild für die anonyme Masse. Die Serie kostet 48 000 Dollar. Das ist Konzeptkunst, die sich sogar ein Museum noch leisten kann. (Bis 23. April, Charlottenstraße 24, Mitte)

Unsere Zeit hier auf der Erde ist knapp bemessen. Deshalb kann man vom Besuch der Ausstellung von James Franco bei Peres Projects nur abraten. Wer die Warnung ignoriert, lernt das Werk eines jungen Hollywood-Schauspielers kennen, der unbedingt auch noch Künstler sein will - warum, weiß nur er selbst. Franco reißt Seiten aus dem Abenteuerbuch "Dangerous Book for Boys" und bekritzelt diese mit albernen Bildchen. Oder er zerlegt in Videofilmen Miniatur-Holzhütten mit dem Hammer. Symbolisch mag sich der Künstler an untherapierten Kindheitsgefühlen abarbeiten. Tiefgründig ist er trotzdem nicht. Im Zentrum der Ausstellung steht eine große Spielzeugrakete, mit der Franco wohl zum Mars fliegen möchte. Man wünscht sich, dass er dort bleibt. Bei Preisen zwischen 5000 und 50 000 Euro sollte man vom gnadenlos überschätzen Künstlerschauspieler besser die Finger lassen. (Bis 22. April, Große Hamburger Str. 17, Mitte)

Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt jeden Sonntag über die Galerien in Berlin