Deutsches Theater

Man dreht sich und wendet sich und begräbt die Toten

Es gibt Wörter, an denen hängen Zentnerlasten. Schwere Brocken aus Erinnerungen und Schicksalen. Holocaust ist so ein Wort. Es taucht in der viereinhalbstündiger Inszenierung "Über Leben", die die Geschichte einer jüdischen Familie im Europa des 20. Jahrhunderts erzählt, nur zweimal auf. Zu ihrer toten Mutter sagt Lea: "Es wird Zeit, dass wir euch in Ruhe lassen. Und dass ihr uns in Ruhe lasst. Und das Wort Holocaust muss auch dringend aus dem Verkehr gezogen werden."

Tatsächlich braucht die niederländische Autorin Judith Herzberg dieses Wort auch gar nicht, schwere Brocken sind ihre Sache nicht. In knappen Dialogen und sehr offenen Szenen umspinnt sie ihre Figuren so behutsam mit den Fäden der Weltgeschichte, dass sie sich gerade eben noch rühren können. Das ist manchmal fürchterlich komisch und manchmal fürchterlich furchtbar. Über 100 Szenen umfasst ihr Triptychon, das aus den Teilen "Leas Hochzeit", "Heftgarn" und "Simon" besteht und von Regisseur Stephan Kimmig im Deutschen Theater erstmals an einem Abend auf die Bühne gebracht wurde. Teil eins und zwei hatte er 2000 schon in Stuttgart inszeniert. Kimmig hat mit diesem Stück gefunden, was einer wie er, der das Ganze gern vom Detail aus untersucht, braucht: einen extrem starken, offenen Text. Wenn dann noch ein entsprechendes Darstellerensemble dazu kommt, wird das so ein feiner und kraftvoller Abend wie jetzt am Deutschen Theater.

Dabei ist die Geschichte, die drei Generationen dieser Familie beleuchtet, zunächst ziemlich unübersichtlich: So sehr, dass sogar Leas Vater Simon bei der dritten Hochzeit der Tochter mit den Schwiegersöhnen durcheinander kommt. Der aktuelle heißt Nico, war früher mit Dory verheiratet, die später ein Kind von Leas Vater bekommen wird. Zur erweiterten Großfamilie gehören auch Nicos Vater Zwart, dessen erste Frau im KZ umkam, weitere Ex-Partner, deren Kinder und natürlich Riet. Sie versteckte Lea damals, als deren Eltern deportiert wurden, vor den Nazis. Autorin Judith Herzberg, überlebte den Krieg auf ähnliche Weise.

Das ganze Personal stellt Kimmig komplett auf die Bühne. Und da bleibt es auch. Man dreht sich einander zu, wendet sich ab und begräbt die Toten. In filigraner Beiläufigkeit spitzen sich die Konflikte vielschichtig zu, es rempelt das Banale das Böse an, es platzt der Klempner mit der defekten Klosettspülung in die Totenfeier. Kimmig ist hochpräzises Schauspielertheater gelungen. Dabei ragen neben Maren Eggert als Dory und Almut Zilcher als Ada zwei große Wiederentdeckungen heraus, die zuletzt seltener am DT zu sehen waren: Christine Schorn kombiniert als Riet mütterliche Wärme mit kecker Bodenständigkeit und Christian Grashof ist als Familienpatriarch Simon die integrierende Figur, die die Familie beieinander hält. Dies ist kein Abend über den Holocaust, es ist kein Abend der Überlebenden, es ist ein Abend der Lebenden.

Deutsches Theater Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28 44 12 25. Nächste Termine: 17. u. 25. April, 1., 13. u. 29. Mai , 18 Uhr.