Richard Wagner

"Parsifal" in der Philharmonie: Eine erschöpfende Lust

Es geht auch anders, aber so geht es auch - und zudem großartig und musikalisch kaum noch zu überbieten.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Marek Janowski will sich in diesem und den beiden kommenden Jahren zu einem Berliner Bayreuth hochmausern und zehn Opern Richard Wagners konzertant aufführen: in erstklassiger Sängerbesetzung, zu Höchstpreisen (bis 189 Euro), ohne aufdringliche Dreinsprache jeder Regie, jeden Bühnenbilds. Zehnmal Wagner konzertant, so lautet die herausfordernde Devise. Beim zweiten Anlauf in der noch nicht ganz ausverkauften Philharmonie stand "Parsifal" auf dem Programm und rechtfertigte glänzend das ganze, leicht ausgeflippt wirkende Unternehmen. Die Radioübertragung am 16. April um 18.05 Uhr (in Berlin auf 89,6 MHz) dürfte ihre Zuhörer fraglos von ihrer Qualität überzeugen und Appetit auf die Fortsetzungen machen.

Es war wirklich inzwischen an der Zeit, den immer mutwilligeren Inszenierungen, nicht einzig von Wagners Werken, in die Zügel zu fallen und sich auf das zu konzentrieren, was Oper nun einmal unerschütterlich ausmacht: ihre Musik. Sie liegt bei Janowski in besten und sorgfältigsten Händen. Es ist eine einzige, allerdings ziemlich erschöpfende Lust, ihm und seinem Orchester sowie dem von Simon Halsey einstudierten Rundfunkchor geschlagene fünf Stunden lang (und noch ein bisschen länger) zuzuhören. Wem es gelingt, dessen Gewinn ist beträchtlich. Er lernt gewissermaßen Wagner aufs Lebendigste neu und hoch konzentriert kennen. Ein Genuss sondergleichen.

Es geht in diesem "Parsifal" um die einzige operngerechte Glaubensfrage: wer am schönsten und zutreffendsten zu singen vermag. Diese Kardinalfrage aber lässt sich in dieser Aufführung nicht leicht beantworten: Sie sind durch die Bank alle vortrefflich. Evgeni Nikitin singt den Amfortas mit einer schier allmächtigen Stimmschönheit, aber sein dahinsterbender Vater Titurel zeigt mit dem gebieterisch wohlklingenden Bass von Dimitry Ivashchenko durchaus, von wem der Sohn diesen überwältigenden Wohlklang geerbt hat. Christian Elsner in der Titelpartie besitzt einen zarten, doch durchschlagskräftigen Heldentenor: eine ganz unübliche Anmut des Singens. Michelle DeYoung hat als Kundry keinen Vergleich zu fürchten. Sie durchsingt ihre Paraderolle mit Glanz. Franz-Josef Selig schlüpft mit seinem astreinen Bass in die Rolle des Gurnemanz, also des Steuermanns des Geschehens.

Eike Wilm Schulte schießt sogar auf seine älteren Tage noch großartig ziel- und treffsicher die Pfeile Klingsors ab. Man kann ihm nur gratulieren. Aber auch dafür, dass er um sich ein Sextett von Zaubermädchen zu versammeln verstand, auf das jedes Opernhaus stolz sein würde. Soviel Vollendung ist selten.