Auszeichnung

"Ich habe selten mehr Zärtlichkeit im Theater gesehen"

Diese Vorstellung war ganz schnell ausverkauft. Nur ein paar Glückliche konnten gestern Abend noch einige reservierte, dann aber doch nicht abgeholte Karten ergattern. Es war keine ganz normale Aufführung im von Matthias Lilienthal geleiteten Theater Hebbel am Ufer (HAU):

Im Anschluss an "Testament - Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear" erhielt das Performance-Kollektiv She She Pop den mit 7500 Euro dotierten Friedrich-Luft-Preis 2010 der Berliner Morgenpost. Der Theaterpreis wurde von Marius Schneider, Mitglied der Chefredaktion der Berliner Morgenpost, übergeben.

Für Jury-Mitglied Claudia Wiedemer war es ein kleines Déjà-vu-Erlebnis: Vor sechs Jahren "stand ich nass geschwitzt hinter der Bühne und habe mit klopfendem Herzen Jutta Limbach zugehört", begann sie ihre Laudatio und erinnerte daran, dass "Grete" - ein Bühnen-Solo von Claudia Wiedemer - ebenfalls im Hebbel am Ufer den Theaterpreis der Morgenpost - ausgezeichnet wird die beste Berliner und Potsdamer Inszenierung eines Jahres - erhalten hatte. Später wurde die Schauspielerin dann in die Jury berufen.

Das dürfte den gestern Ausgezeichneten eher nicht passieren. Schließlich stand nicht eine Person auf der Bühne, sondern sieben. Vier feste Mitglieder der Truppe, die generell ohne Regisseur arbeitet - und drei Väter: Sebastian Bark mit seinem Vater Joachim Bark, Mieke und Manfred Matzke, Ilia und Theo Papatheodorou sowie Lisa Lucassen. Außerdem gehören zu She She Pop noch drei weitere Frauen: Fanni Halmburger, Johanna Freiburg und Berit Stumpf. Stücke werden gemeinsam erarbeitet, der Begriff "Performance-Kollektiv" ist ausgesprochen treffend. Ihr Debüt gaben sie vor 18 Jahren in Gießen, dort studierten die Gründungsmitglieder Angewandte Theaterwissenschaften. Gießen galt lange Zeit - und She She Pop untermauern dies - als Kaderschmiede des neuen Dokumentartheaters, auch Rimini Protokoll, Gob Squad oder René Pollesch wurden dort ausgebildet.

Rockband als Namensgeber

Auf den eher ungewöhnlichen Namen kamen sie über die Rockgruppe ZZ Top: "Als wir alle noch sehr jung waren", erzählt Lisa Lucassen, "gab es eine Performance bei einem Kongress in Gießen, bei der wir Cocktailkleidchen und angeklebte Bärte trugen. Da gab es ein Video, in dem wir auf dem Marktplatz gegangen sind, zur Trinkhalle und haben uns unter andere bärtige Männer gemischt. Dazu gab's ZZ-Top-Songs." Wer im Hessischen bewandert ist, kann aus ZZ Top dann relativ flott She She Pop machen. Als "Frauengruppe mit Mann" bezeichnet Fanni Halmburger She She Pop. Am Anfang habe die Gruppe "ganz stark die weiblichen Themen aufgegriffen, eine weibliche Sicht gehabt". Doch mit der Zeit fehlte dann doch etwas: "Wir haben gemerkt, dass es dafür eigentlich auch geradezu günstig ist, einen Mann in der Gruppe zu haben."

Bei "Testament" hat sich She She Pop erstmals durch ein klassisches Drama anregen lassen: Shakespeares "König Lear" dient als Folie für einen Theaterabend, bei dem es ganz gegenwärtig ums Erben, den Generationenwechsel und auch um die Frage geht, wer sich um die pflegebedürftigen Eltern kümmert. Denn: Dem alten Mann gelingt es nicht, sein Reich unter den drei Töchtern aufzuteilen und die anderen Angelegenheiten vernünftig zu regeln. Die Absprache für seine Altersvorsorge scheitert.

Universelle Themen

Besonders bemerkenswert an dem Stück "Testament" sei der Mut, "sich den universellen Themen zu stellen wie Tod, Krankheit, Einsamkeit, Vergänglichkeit", betonte die Schauspielerin Claudia Wiedemer in ihrer Laudatio im Hebbel am Ufer. "Wir waren Zeugen eines der kostbarsten zwischenmenschlichen Vorgänge: Wie Menschen ihr eigenes Überzeugungsuniversum verlassen, um das Wagnis einer echten Begegnung einzugehen. An dieser Stelle geht die Inszenierung weiter, geht weit über die Generationenthematik hinaus."

In ihrer Begründung für den Gewinner hatte die Jury "die Überzeichnung von Shakespeares ,König Lear' einen gleichermaßen mutigen wie berührenden Dokumentartheater-Abend" genannt. She She Pop gehe ein großes künstlerisches Wagnis ein, stehen sie doch gemeinsam mit ihren realen Vätern auf der Bühne. Denn schließlich haben Väter andere Vorstellungen vom Theater als ihre Kinder. Claudia Wiedemer schloss mit den Worten: "Ich habe selten mehr Zärtlichkeit im Theater gesehen."