Geitels Geschichten

Ein steinalter Kritiker

Natürlich war mir das Chelsea-Hotel in New York dem Namen nach seit langem bekannt. Andy Warhol hatte dort seinen Dreistünder "Chelsea Girls" gedreht. Aber gewohnt hatte ich dort noch nie. Ich beschloss also, probehalber dort einmal einzuziehen. Meine New Yorker Freunde warnten mich, es würde mir dort nicht gefallen. Tat es auch nicht. Dafür aber lernte ich Virgil Thomson kennen. Der wohnte seit Jahrzehnten schon dort.

Vorher war er, nach ausdauerndem Kompositionsunterricht bei Nadia Boulanger, in Paris untergekrochen. Er hatte sich mit Gertrude Stein befreundet, die dem jungen Mann gerne zwei Opern-Libretti schrieb: "Vier Heilige in drei Akten", 1934 in Hartford, Connecticut, uraufgeführt, danach "Unser aller Mutter", 1947 erstmals in New York präsentiert.

Von den deutschen Truppen von seinem Stammsitz in Paris vertrieben, hatte er seine Zelte nun im New Yorker "Chelsea" aufgeschlagen und war in anderthalb Jahrzehnten zum höchst angesehenen Musikkritiker der Vereinigten Staaten avanciert. Den wollte ich kennenlernen.

Thomson, inzwischen 83 Jahre alt und stocktaub, hatte nichts dagegen. Im Gegenteil. Thomson bewohnte in einem der oberen Stockwerke des "Chelsea-Hotels" ein paar kleine, lochartige Zimmerchen, verbunden durch einen fensterlosen, finsteren Flur, an dessen Wänden sich eine Fülle offenkundig pornographischer Kunstwerke festhielten. Es war bedauerlicherweise zu dunkel, genau zu erkennen, worum es sich handelte, und es war mir peinlich, Thomson zu bitten, das Licht anzuknipsen.

Ich saß lieber an seiner Seite, lauschte ihm aufmerksam und lachte, damit er es hören könne, laut schallend über jede seiner heiteren Bemerkungen. Er war gut aufgelegt, witzig und freundschaftlich. Er machte mir seine als Buch erschienenen "Gesammelten Kritiken" zum Geschenk und widmete sie mir liebenswürdigerweise.

Dennoch blieb mir das "Chelsea-Hotel" nicht einzig durch diesen Besuch in Erinnerung. Ich hatte mich schon beim Einchecken nicht schlecht erschrocken, als alles, was ich am Empfang deponieren wollte, als winziges Päckchen verkleidet an meinem Ohr vorbei in einen weit geöffneten Geldschrank sauste. Bumms, da lag es und blieb dort hoffentlich irgendwo liegen.

Eine Fahrt im Lift teilte ich dann mit einem uralten Herrn. Er war an mir vorbeigeschlurft, als ich mich an Thomsons offener Wohnungstür von ihm verabschiedete. Nun eröffnete mein Fahrstuhl-Mitreisender die Unterhaltung. "Ich bin 96", sagte er. Dann kamen wir zwangsläufig auf Thomson zu sprechen. Seine Frau, verriet er mir, war Sängerin gewesen, Partnerin Carusos an der Mailänder Scala. Donnerwetter, wie hieß sie? Der alte Herr schlug sich mit flacher Hand an die Stirn: " Mein Gott, nun habe ich tatsächlich den Namen meiner Frau vergessen".

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern