Kino

Ein Mann boxt sich durch

Der Sportfilm ist von allen Filmgenres das langweiligste. Immer wird hier dieselbe Geschichte erzählt: Ein Mann (es ist immer ein Mann, nie eine Frau), der ganz unten ist und keine Chancen hat, kämpft sich trotzig voran und siegt am Ende doch, was dann gern in Zeitlupe gezeigt wird. So weit, so vorhersehbar.

Der Boxerfilm, als Subgenre des Sportfilms, bringt dieses Prinzip einerseits auf den Punkt: Ein Mann boxt sich durch. Andererseits finden sich gerade hier erstaunliche Abweichungen vom Stereotyp.

Nun startet morgen in unseren Kinos mit "The Fighter" ein weiterer Beitrag, der erfreulich abweicht von den klassischen Genreerwartungen. Auch hier kommt ein Mann von ganz unten, auch hier boxt er sich nach oben. Aber er hat es dabei vor allem mit Gegnern jenseits der Seile zu tun: seinen eigenen Angehörigen. "The Fighter" ist in erster Linie kein Boxer-, sondern ein Familiendrama. Und das, obwohl - oder gerade weil - es von zwei höchst realen Boxern handelt: den Halbbrüdern Micky Ward und Dicky Eklund.

"The Fighter" führt uns zunächst auf eine falsche Fährte: Ein TV-Kamerateam will einen Film über das Comeback eines Boxers drehen. Der weiß sich protzig in Szene zu setzen, lässt aber immer einmal wieder Termine platzen. Derweil filmt man halt ein bisschen den jüngeren Bruder, der in der gleichen Boxhalle trainiert. Und erst nach und nach wird dem Zuschauer klar: Dieser ist der eigentliche Protagonist.

Micky (Mark Wahlberg) hat ein Leben lang im Schatten von Dicky (Christian Bale) gestanden, der die Hoffnung seiner Stadt Lowell ist und auch von seiner Ma (Melissa Leo), die beide managt, klar bevorzugt wird. Die Mutter verdrängt, was doch nicht zu übersehen ist: dass Dicky drogensüchtig, dass er längst ein Crack-Wrack ist. Auch die Mutter, kettenrauchend, in unmöglichen Outfits, ist eine klassische Vertreterin des White trash , der weißen Unterschicht. Matriarchin einer absurden Familie, zu denen ein schwacher Gatte und sieben ziemlich aufgetakelte, nutzlose Töchter gehören. Es gibt nur ein Mittel zum Erfolg: Micky muss sich von dieser Horror-Familie freistrampeln.

Das Spiel von Mark Wahlberg sei blass, behaupten nicht wenige Kritiken. Und liegen damit völlig falsch. Denn Wahlberg spielt nun einmal einen völlig passiven Charakter, der sich von allen dominieren lässt. Und dies subalterne Spiel gelingt ihm bestechend.

Es ist dies überhaupt Wahlbergs Film. Seit langem schon wollte der Schauspieler Micky Ward spielen; er hat den Film schließlich selber produziert, hat auch den Kontakt zu den echten Brüdern hergestellt. Und recht unverhohlen kann man in der Vita von Micky & Dicky sehr viel von seiner eigenen entdecken. Auch Wahlberg entstammte einer Unterschichtsfamilie aus einem Arbeiterviertel von Boston, nicht weit von Lowell. Auch er hat schon in zartem Alter von 13 Jahren Erfahrungen mit Crack und Koks gemacht. Auch er brach, wie Dicky, das Gesetz und kam, wie dieser, ins Gefängnis. Und nur sein Bruder half ihm da wieder heraus. Der hat ihn indes nicht zum Boxen gebracht, sondern einem anderen Ausweg aus der Ghetto-Gosse: dem Rap. Und kam schließlich zum Film, wo er sich spätestens mit "Boogie Nights" als ernst zu nehmender Schauspieler etabliert hat.

Auf "The Fighter" hat er nun Jahre lang hin gearbeitet. Hat wie für einen echten Boxkampf trainiert, weil er die Sequenzen im Ring so echt, so authentisch wie möglich gestalten wollte. Auch wenn er selber als Schauspieler für den Oscar nicht mal nominiert war, ist dieser Film der ganz große Triumph des 39-Jährigen. Da "The Fighter" aber in Lowell spielt, nicht nur die Heimat der Boxer-Brüder, sondern auch die Wiege der amerikanischen Revolution, wird der Film zu einer allgemeinen Beschwörung des American Dream , der eben nicht nur einem Ward, nicht nur einem Wahlberg, sondern jedem gelingen könnte.