ARD-Film

Ein lakonisches Märchen über die Sehnsucht der Großstadtmenschen

Zunächst scheint es in dem Seminar nur um Energiefelder und Suggestion zu gehen: darum, wie man beim Gegenüber den Blick fesselt und Gedanken und Intuition zugleich steuern kann. Esoterik nach Dienstschluss.

Dann sieht man die Physiotherapeutin Lisa (Lavinia Wilson) in einem Kaufhaus, sie schleppt eine Spielzeugküche für Kinder zur Kasse - und die Frau hinterm Tresen hört plötzlich eine innere Stimme, die ihr zur Aussprache mit ihrem Mann rät. Die Frau bedankt sich bei Lisa. Vor dem Laden zetert eine Handleserin, früher hätte man "Zigeunerin" gesagt und einen Euro für ihren Segen gegeben: Sie hat Lisa, die Übersinnliche, erkannt.

So eröffnet Petra K. Wagner ihren Film ,,Lisas Fluch": Der Zuschauer wird sofort überwältigt von der Unmittelbarkeit des Geschehens. Lisas Mann Frank (nervös: Anatole Taubman) ist Koch, sein Restaurant läuft nicht so gut. Bruder Nick (laut: Ken Duken), ein forscher Marketing-Manager, leiht ihm immer mal wieder Geld und gibt ungebeten Ratschläge, dafür lässt Frank ihn beim Badminton gewinnen. Allerdings fürchtet er auch, dass der verheiratete Bruder ein Auge auf Lisa geworfen hat. Seine Frau ist schwanger. So wird Frank von Eifersucht gequält, während Lisa gern ein Kind bekommen würde - doch der überforderte Gatte lehnt ab.

Nachdem Lisa ihre telepathischen Fähigkeiten zunächst harmlos in der S-Bahn ausprobiert hat, fragt sie nun die Lehrerin (unaufgeregt: Franziska Walser) nach größeren Kunststücken. Ihrem Mann möchte sie den Wunsch nach einem Kind eingeben. Und in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet, interessiert sie sich für die Wirkung von Giften. Sie entwendet einen Pullover von Nick und widmet sich einer Art Voodoo - und der eben noch kregle Geschäftsmann erkrankt ernstlich und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Nun fürchtet Lisa, dass der Fluch tatsächlich gewirkt hat. Eine Rückrufaktion aber ist mit Komplikationen verbunden.

"Lisas Fluch" ist eine versponnene Komödie, die ihren Gegenstand spielerisch umkreist: Der Zuschauer weiß nie, wie effektiv die Hexerei tatsächlich ist und wie sehr das Medium selbst an seine Macht glaubt. Bei den Therapiemaßnahmen im Krankenhaus sieht man Lisa als zupackende, realistische Frau, die ihren Behandlungsfehler bei einem Patienten unbedingt wiedergutmachen will. Sie ist nicht spinnert, nicht böse, vielleicht etwas neurotisch. Ihre Tätigkeit ist die einer Heilerin, wahrscheinlich würde sie auch gebrochene Knochen und versehrte Herzen gern telepathisch reparieren können. Doch im Alltag begegnen Lisa mürrische Patienten und die üblichen Oberärzte, die sich auf einen Kaffee mit ihr verabreden wollen. So bleibt alles in der Schwebe in einem Ambiente der Großstadt zwischen Designerküche, Spielplatz und Bus - und zum Übersinnlichen kommt die sehr konkrete Sinnlichkeit von Lavinia Wilson: Sie ist eine Frau unter Einfluss.

Petra K. Wagner, die auch das Buch schrieb, gelang ein lakonisches Märchen über Sehnsucht und Magie in den Zeiten des Profanen. Um bei der Küchenmetapher zu bleiben: Die Komödie köchelt wohldosiert und könnte jederzeit ins deftige Drama oder in den sauren Kitsch kippen, doch bis zum Ende bleibt der Film in delikater Balance. Die letzten Bilder sind dagegen von wahrhaft teuflischer Ironie.

Lisas Fluch Heute, ARD, 20.15 Uhr.