Wim Wenders

Bayreuths Grüner Hügel ist kein Filmstudio

Schluss, aus, Ende - noch bevor es überhaupt angefangen hat. Der Himmel über Bayreuth ist grau und leer, Wim Wenders' Wagner-Engel werden nun nie das Fliegen lernen: Der weltberühmte Filmregisseur hat seine geplante Mitwirkung beim mit Spannung erwarteten "Jubiläums-Ring" anlässlich der 200. Wiederkehr von Richard Wagners Geburtstag im Sommer 2013 abgesagt

. Und die Opernwelt ist um eine zumindest als Idee reizvolle Visualisierungsversion der in den letzten Jahren bereits vielstrapazierten Mythen-Tetralogie ärmer.

Wim Wenders ist indes nicht der erste Kinogewaltige, der am Grünen Hügel kalte Füße bekommt. Schon vor ihm hatte 2004 der dänische Triebtäter Lars von Trier hingeworfen, der 2006 die "Nibelungen" hätte neubeleben sollen. Das wollte von Trier freilich am liebsten in totaler Dunkelheit tun. Die Opernzuschauer hätten also das Nachsehen gehabt. Worauf man als Notnagel den Dramatiker Tankred Dorst engagierte, der freilich auch nur wenig Licht ins "Ring"-Deutungsdunkel zu bringen vermochte.

Vom Operndebütanten Wim Wenders war freilich bis jetzt noch keinerlei Konzept bekannt geworden - und das wird es jetzt nun wohl auch nicht mehr. Es war ja nicht einmal ein Vertrag unterzeichnet. Die Verhandlungen waren trotzdem vorzeitig bekannt geworden. Wie auf und hinter dem Hügel gemunkelt wird, hatte sich Wenders im Laufe der Gespräche immer mehr auf seinen eigentlichen Beruf zurückgezogen und die Operninszenierung vor allem als Mittel zum Filmzweck benutzen wollen. Einerseits boten ihm dazu natürlich die Festspiele selbst eine Vorlage, da sie seit einigen Jahren über eine eigens von Katharina Wagner gegründete Verwertungs-GmbH die jeweiligen Neuinszenierungen zeitnah als Public Viewing, CD und DVD medial nutzen. Nur wird das unter im Operngeschäft üblichen Bedingungen getan, die nicht zu vergleichen sind mit dem Aufwand, der für einen Kinofilm betrieben wird.

Andererseits hatte Wenders, gegenwärtig im Schwung seines weltweiten Erfolgs mit "Pina", seiner 3D-Hommage an die verstorbene Prinzipalin des Wuppertaler Tanztheaters, eine Mitwirkung in Bayreuth offenbar nur als Hilfsmittel für einen eigenen "Ring"-Film in 3D verstanden. Um die Belange der Festspiele und der Oper wollte er sich dabei immer weniger kümmern. So gab es letztlich wohl vor allem Unstimmigkeiten über die Realisierung eines solchen Films. Während die Festspiele natürlich an einem Public Viewing im Premierenjahr 2013 interessiert sind, wollte der perfektionistische Wim Wenders ein fertiges Produkt erst frühestens 2015 oder 2016 veröffentlichen - das zudem die Festspiele mit 3,5 Millionen Euro hätten vorfinanzieren sollen. Nicht einmal der Vorschlag, ihm alle Verwertungsrechte zu geben, konnte ihn davon überzeugen, dass der Grüne Hügel kein Filmstudio ist. Wenders wird in Bayreuth mit dem Satz zitiert, eineinhalb Jahre Lebenszeit nur für eine Operninszenierung seien ihm zu schade. Verständlich, dass sich die Opernregisseurin Katharina Wagner solche Arroganz nicht gefallen lassen wollte. Jetzt steht man in Bayreuth vor einem Scherbenhaufen. Zudem wird die Zeit eng für jeden neuen Kandidaten.