Neuerscheinung

Abhörprotokolle über das Töten

Unzählige deutsche Soldaten des Zweiten Weltkrieges haben ihren Verwandten über ihre Wehrmachtszeit berichtet, tausende Erinnerungen aufgeschrieben, Hunderte allein in den vergangenen Jahren an TV-Dokumentationen als Zeitzeugen mitgewirkt. Und doch weiß man bis heute nicht, wie richtig diese Erinnerungen sind.

Denn alle sind entweder Jahre später aufgeschrieben worden - oder aber, wenn man einen Blick in überlieferte Feldpostbriefe wirft, oft von Rücksicht auf die Menschen daheim geprägt. Wirklich ehrlich reden über den Krieg konnten Soldaten nur untereinander.

Bis vor kurzem galt es als unmöglich, einen direkten Einblick in solche Gespräche zu bekommen. Doch dann entdeckte der in Berlin lebende Historiker Sönke Neitzel in britischen Archiven die Protokolle abgehörter Gespräche deutscher Kriegsgefangener. Zunächst konzentrierte er sich auf höhere Offiziere, die im Landhaus Trent Park abgehört worden waren. Das Ergebnis war ein internationaler Bestseller. Dann fand Neitzel ähnliche Abhörprotokolle von Gesprächen einfacher Mannschaftsdienstgrade. Rund 50 000 Seiten aus den Jahren 1940 bis 1945 lagern in Londoner Archiven. Zusammen mit dem Essener Sozialpsychologen Hartmut Welzer hat Neitzel dieses ungeheure Material jetzt erstmals untersucht. Ihr Buch "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" (S. Fischer Verlag. 524 S., 22,95 Euro) erscheint zwar erst am 12. April, hat aber schon vorab international für große Aufregung gesorgt.

Denn unverhüllt wie noch nie ist darin nachzulesen, wie der Krieg Menschen verroht. Da die Soldaten nicht wussten, dass sie abgehört wurden, und sich unter Schicksalsgenossen wähnten, sprachen sie völlig offen. Die Ausschnitte, die Neitzel und Welzer dokumentieren, sind zum großen Teil erschreckend. Sie zeigen, wie offen über Kriegsverbrechen gesprochen wurde, wie oft mit Morden und anderen Verbrechen geprahlt wurde, wie sehr sich die direkten Erzählungen unter Kameraden unterscheiden von dem, was man in die Heimat berichtete oder viel später erinnerte. Doch den beiden hochseriösen Forschern geht es nicht vor allem um schockierende Details. Sie wollen verstehen, wie Töten, Plündern und Vergewaltigen vollkommen alltäglich werden kann - und was diese Erfahrung mit Menschen anrichtet. Mit Sicherheit gehört ihr Werk zu den spannendsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.