Konzert

Der richtige Ton für die Trauer

Sayako Kusaka hat sich voller Hingabe in die Vorbereitungen gestürzt: Heute um 20 Uhr soll das Benefizkonzert für die Stadt Sendai im Konzerthaus am Gendarmenmarkt stattfinden. Es ist ein buntes Programm zwischen Bach, Brahms, Schnittke und Takemitsu angekündigt.

Chefdirigent Lothar Zagrosek leitet das Konzerthaus Kammerorchester, mit dabei sind die Geigerin Viviane Hagner, Cellistin Marie-Elisabeth Hecker, es rezitieren die Schauspielerinnen Martina Gedeck und Katja Riemann. Und dem Ganzen voran steht Sayako Kusaka - sie besetzt seit 2008 die Topposition als 1. Konzertmeisterin des Konzerthausorchesters. Eine strahlende Geigerin, Jahrgang 1979, die vom Leben zwischen Japan, Deutschland und den USA geprägt ist. Zwischen zwei Proben erklärt sie, warum sie sich von den Folgen der Katastrophe so bedrückt fühlt und helfen will. Ihre Familie hatte 1995 beim großen Erdbeben in Kobe ihr Haus verloren. "Ich weiß, wie man sich als Flüchtling fühlt, wie schmerzvoll es ist, Verwandte und Freunde zu verlieren, und wie schwer ein Neuanfang ist." Ihre Familie hat damals das Haus nicht mehr wieder aufgebaut, sondern ist nach Tokio gezogen. Dort sorge sich dieser Tage ihre Schwester, erzählt sie, ob sie für ihr kleines Kind sauberes, sprich unverseuchtes Wasser bekomme.

In Japan wachsen Kinder mit dem Bewusstsein auf, dass jeden Tag die Erde beben kann. "Wir haben in der Schule geübt, uns sofort unter dem Tisch zu verstecken", erinnert sich Sayako Kusaka. Heute gäbe es für alle Schüler eigene Helme. Japaner sind auf Katastrophen vorbereitet. "Aber Angst davor haben sie wie alle Menschen auf der Welt", sagt sie.

Viel mehr ist über die Gefühlswelten in Japan kaum zu erfahren. Deshalb ein Beispiel, wie harmoniebewusst Kommunikation sein kann. Wir kommen auf erste Bilder aus Japan zu sprechen, wie zivilisiert sich Menschen in einer Reihe nach Nahrung und Wasser anstellen. Anderswo sind es oft Bilder von Plünderungen und Schlimmerem. Warum tun Japaner das in Katastrophenzeiten nicht? Bei dieser Frage gerät Sayako Kusaka in einen Konflikt: Bestätigt sie, das Japaner so etwas nicht tun, würde sie sich über andere Nationen erheben. Das widerspricht der Höflichkeit. Gäbe sie menschliche Verfehlungen in Japan zu, würde sie ihre eigene Nation brüskieren. Was also antwortet sie: "Solche Menschen gibt es in Japan sicherlich auch, wenige." Und ihre Körpersprache vermittelt: Wenn überhaupt, dann sehr, sehr wenige.

"Japaner sind nicht solche Individualisten", sagt Sayako Kusaka, "sondern wollen vieles lieber gemeinsam machen." Dazu gehöre auch der Wiederaufbau nach Katastrophen. Beim heutigen Benefizkonzert erklingt auch Toru Takemitsus Requiem für Streichorchester. Das Stück gefällt der Geigerin, weil sie darin den Rhythmus, den Atem der japanischen Sprache wieder findet. Trifft ein Requiem die Stimmungslage? Vielleicht, sagt sie, aber Trauer und Schmerz seien schon etwas Individuelles. Dafür ist also Musik da.

Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Mitte. Tel. 203 09 2101. Heute um 20 Uhr. Karten: auf allen Plätzen 25 Euro.