Die Favoriten des Deutschen Filmpreises, Folge 2

Für diese drei muss man einen Film schreiben

Treffen sich drei Nominierte und sprechen über die Deutsche Filmakademie, die den Deutschen Filmpreis vergibt. Sagt der eine: "Die hast du doch ins Leben gerufen, oder? Du bist doch Gründungsmitglied." "Nein", sagt der andere, "ich bin erst seit einem Jahr Mitglied."

"Wie?", meint der Dritte. "Ich dachte, die Statuten wurden auf deine Arschbacken tätowiert." Johlendes, kerliges Lachen von allen dreien, das sich noch steigert, als der dritte nachsetzt: "Ich habe sie doch neulich noch gelesen!"

Wenn am 8. April die Lolas im Berliner Friedrichstadtpalast verliehen werden, ist die Kategorie des Besten Hauptdarstellers wohl die homogenste. Manchmal kann es ja passieren, dass jemand Blutjunges gegen eine Veteranin antritt (wie Hannah Herzsprung 2007 gegen Monica Bleibtreu). Hier aber sind alle ziemlich im selben Alter, der Älteste ist 36, der Jüngste gerade 30 geworden.

Lauter Dreiecksgeschichten

Diehl ist der große Tragöde unter den dreien, der Meister oft abgründiger Figuren, Fehling ein dramatischer Schauspieler, der sich auch in Komödien bewährte, Fitz im Gegenzug ein Komödiant, der sich auch als "ernsthafter" Schauspieler beweisen konnte. Und doch wagen wir jetzt mal die Behauptung, sie könnten alle potenziell für die selben Rollen in Frage kommen, sind vielleicht, wer weiß, auch in manchem Castingbüro schon für die gleichen Projekte gehandelt worden. Und sie wirken alle drei wie gute Kumpel, die, das stellen sie von Anfang an klar, nicht gegen einander antreten.

Dabei haben sie mit Dreier-Kisten alle genug Erfahrung. Sind sie doch alle (wie übrigens auch alle Hauptdarstellerinnen in diesem Jahr) für Filme nominiert, die Dreiecksgeschichten sind. Das RAF-Drama "Wer wenn nicht wir" handelt davon, wie Bernward Vesper Gudrun Ensslin an Andreas Baader verliert. Diehl spielt diesen Vesper mit jener Spur an Irrsinn, die seine Figuren so einzigartig macht. Baader wird ironischerweise von Alexander Fehling verkörpert, der jetzt auch nominiert ist. Aber nicht für seinen Baader, sondern für "Goethe!", in dem er als junger Stürmer und Dränger das klassischen Werther-Dilemma durchleidet: Lotte muss sich zwischen ihm und ihrem Verlobten entscheiden.

Fehling und Diehl haben schon eine ganze Reihe von Filmen miteinander gemacht: "Buddenbrooks", "Inglourious Basterds", "Wer wenn nicht wir". Und gerade abgedreht ist "Niemandsland". Ist das seltsam, nun gegeneinander anzutreten? Nö, sagen sie wie aus einem Mund. "Ich kenne Alex jetzt seit zwei, drei Jahren", meint Diehl", und ich freu mich, mit ihm in einer Reihe zu sitzen." Fehling sieht da auch überhaupt keinen Konkurrenzdruck: "Wir treten miteinander an."

Der Dritte im Bunde ist Florian David Fitz. Während die beiden Berliner gleich mit ihren Erstlingsfilmen - Diehl 1998 mit "23", Fehling 2007 mit "Am Ende kommen Touristen" - ihren Durchbruch hatten, musste er, der Münchner, lange mit kleinen Rollen vorlieb nehmen. Populär wurde er erst durch die TV-Serie "Doctor's Diary". Und weil die Rollenangebote nicht so kamen, wie er hoffte, fing er selber an, ein Drehbuch zu schreiben. Ein Roadmovie mit einem am Tourette-Syndrom Leidenden, einer Magersüchtigen und einem Zwangsneurotiker. Also auch eine Dreiergeschichte. "Vincent will meer" war die große deutsche Kino-Überraschung 2010 - und ein Triumph für Fitz.

Kürzlich hat er uns, bei dem Berlinale-Fragebogen in dieser Zeitung, auf die Frage, welche Rolle er gern gespielt hätte, ganz neidlos gestanden: alle, die August Diehl in den letzten Jahren gespielt hat. Jetzt ist er mit ihm nominiert und sitzt gleich neben ihn; nur Fehling als Puffer dazwischen. Ist das eine Genugtuung, eine Entschädigung? Fitz schüttelt den Kopf: "Das heißt ja nur", meint er bescheiden, "dass Vincent vielleicht auch eine von den interessanten Rollen ist." Fitz ist in der beneidenswerten Lage, dass er gleich zwei Mal für "Vincent" nominiert ist: als Schauspieler und Drehbuchautor. Welche Nominierung ihm mehr bedeutet, da muss er nicht lange überlegen: "Ganz klar der Schauspieler. Ich kann nicht sagen, wieso." "Na, weil das dein eigentlicher Beruf ist", erklärt Fehling - und entschuldigt sich ironisch dafür, dass er für ihn geantwortet habe.

Meine Rede in deiner Hosentasche

Diehl ist der Veteran unter ihnen. Keine Frage also, bei wem eingangs die Statuten die Sitzbacken zieren sollten. Diehl hat vor zwölf Jahren schon einmal einen Deutschen Filmpreis erhalten, für "23". Kann er den anderen erzählen, wie das so ist? Nein, damals war er selber gerade mal 23 und "total durch den Wind", da sei so viel zusammengekommen, der Filmpreis war nur ein ganz kleiner Teil davon. "Er war so jung", feixt Fehling. "Und er brauchte das Geld", lacht Fitz.

Die drei, keine Frage, haben großen Spaß miteinander. Keine Spur von Konkurrenz. Und man glaubt ihnen ohne weiteres, wenn sie sagen: "Ach der 8., da werden wir feiern am Abend. An mehr denken wir nicht." Nach und nach räumen sie aber ein, dass sich das an besagtem Abend, wenn sie erst mal über den roten Teppich gehen und im Saal sitzen werden, noch ändern könnte - und sie doch nervös werden. Kann der Veteran da Ratschläge mit auf den Weg geben? "Also ich habe mir damals Stichworte auf einen Zettel notiert, nur für den Fall", gesteht Diehl: "der war dann aber so verschwitzt und zerknüllt, dass ich nichts lesen konnte." Dann werde er auch was vorbereiten, verkündet Fehling. "Das vergisst du doch sowieso wieder", frotzelt Fitz. Fehling kontert: "Ich werde eine Rede vorbereiten und sie dir dann in die Hosentasche stecken."

So jagt eine Pointe die nächste. Die drei wirken wie eine eingespielte Truppe. Wer immer am Freitag die Trophäe entgegen nehmen wird, einen Rat möchten wir an dieser Stelle ausdrücklich an alle Produzenten, Regisseure und Caster richten: Achten Sie auf alle drei. Ihr Zusammenspiel ist so herrlich und unverkrampft. Das schreit geradezu nach einem Buddy -Film mit drei Jungs. Sollte dafür kein Drehbuch existieren, müsste vielleicht Fitz noch einmal ran.