Deutsche Oper

Rückkehr zur Bürgeroper

"Ich komme und du machst, was ich sage - die Zeiten sind vorbei", sagt der neue Chef: "Auf der anderen Seiten benötigt es der Hierarchien, ansonsten funktioniert so ein großes Opernhaus nicht."

Dietmar Schwarz, derzeit Operndirektor in Basel, wird 2012 offiziell als Intendant an die Deutsche Oper Berlin wechseln. In gewisser Weise führt er das Haus schon längst, denn wie so oft im Leben geht es weniger um die Gegenwart, sondern darum, die nahe Zukunft zu planen und zu sichern. Schwarz plant bereits bis in die Spielzeit 2015/16 hinein. Fast täglich, sagt er, telefoniere er mit Donald Runnicles, dem Generalmusikdirektor. "Wir sprechen derzeit alles ab", betont Schwarz, "und es betrifft nicht nur seine Produktionen". Einmal in der Woche kommt der Designierte nach Berlin, dagegen ist es in Basel einfacher, ihn am Wochenende zu treffen. Schwarz, der erklärte Teamplayer, will sein Gewissen damit beruhigen, dass er die unbeliebteren Abenddienste übernimmt. So ist er. Wir sitzen also an einem Sonnabend im Theater Basel, einem Dreispartenhaus, im Zimmer seines Intendanten Georges Delnon. Es ist ein modernes, lichtdurchflutetes Zimmer mit langen Glasfronten. Schwarz ist der zweite Mann nach Delnon, zuständig für die Opernsparte.

Ein bisschen Hierarchie muss sein

Das Thema des Führungsstils beschäftigt Dietmar Schwarz, Jahrgang 1957, seit geraumer Zeit. "Mehrere Male schon wurde ich zu Seminaren über Kommunikation an die Universität eingeladen. Dann wird darüber gesprochen, wie in modernen Betrieben schlanke Hierarchien mit Teams aus verschiedenen Ebenen zusammengestellt werden, um an einem Projekt zu arbeiten", erzählt der Intendant. Das Modell hätte man auch schon einmal am Mannheimer Theater, wo er ab 1998 Operndirektor war und das der Deutschen Oper von der Struktur her ähnlich ist, durchdacht. "Aber die ganzen Nach-68er-Modelle wie an der Schaubühne haben gezeigt", sagt Schwarz, "dass letztlich doch wieder auf hierarchische Modelle zurück gegriffen wird."

In Basel ist Schwarz der Opernmann der Stunde. Er hat den schön klingenden Titel "Opernhaus des Jahres" gleich zweimal in die Musikprovinz gebracht. Das Haus wirbt gern damit, auch wenn die Kritikerehrung mehr in Deutschland als in der mehrsprachigen Schweiz wahrgenommen wird. In der französischen Schweiz interessiere sich kaum jemand dafür, erzählt Schwarz, überhaupt sind das ästhetisch getrennte Welten. Was in Genf gnadenlos ausgebuht wird, kann in Basel ein Triumph sein.

Auch Basels erster Mann, Georges Delnon, war für die Deutsche Oper angefragt worden. Wie viele andere Chefs, die allesamt abgewinkt haben. Dass nun ein Mann aus der zweiten Reihe die Führung in Berlin übernimmt, lässt einiges deutlicher werden. Offenbar hatten alle Beteiligten der langwierigen Intendantenfindung immer noch von einem legitimen Nachfolger des großen Regieintendanten Götz Friedrich geträumt. Die jetzt im Sommer scheidende Intendantin Kirsten Harms wähnte sich auch in dessen Folge. Aber die Position, das haben wohl die Gefragten erkannt, ist längst nicht mehr zu vergeben. Die Deutsche Oper lebt - seit der offenkundigen Krise des Regietheaters - zuerst von guter Musik, demnach muss der Generalmusikdirektor der starke Mann sein. Dessen Intendant dagegen ein Ermöglicher, eine graue Eminenz im besten Sinne, ein kreativer Mann, der sich uneitel zurück nehmen kann.

Klassische Dramaturgen-Laufbahn

Auf diese Stellenbeschreibung wirkt Dietmar Schwarz, der eine Dramaturgen-Laufbahn absolviert hatte, in seiner höflich-kompetenten Art wie zugeschnitten. "Da ich im Unterschied zu Regisseuren keine ästhetischen Eigeninteressen habe", sagt Schwarz, "setze ich mehr auf künstlerische Vielfalt." Und die Vorzüge des Dramaturgen für dieses Amt sieht er darin, dass diese "möglicherweise eher in der Lage sind, die verschiedensten Künstlerpersönlichkeiten zusammen zu bringen und Interessen zu bündeln." Dass sein Generalmusikdirektor Donald Runnicles ein Machtmensch sein soll, darüber kann Schwarz nur den Kopf schütteln. Er führt das Etikett darauf zurück, dass sich der Wagner-Dirigent Runnicles bei seinem Amtsantritt auf ein Schwert gestützt hat fotografieren lassen. "Ich erlebe Runnicles als sehr stark teamorientierten Partner", sagt er. Und dass der GMD stark sein muss, hält Schwarz für wichtig. Überhaupt "müssen Dirigenten andere Menschen sein, weil sie am Pult in höchster Konzentration eine große Gruppe von Musikern führen müssen. Orchester können nicht alles diskutieren." Über das Programmatische scheinen sich die Chefs einig zu sein. Zunächst einmal gelte es, die Unterschiedlichkeit zu den beiden anderen Opernhäusern in Berlin zu betonen, wobei die Deutsche Oper vom größten Repertoire lebe. Schwarz will ab 2012 pro Saison sechs Neuproduktionen auf die Bühne bringen. "Der Schwerpunkt liegt auf dem 19. Jahrhundert im französischen Bereich", sagt Schwarz: "Das sind Runnicles' Vorlieben." In Basel hatte man den Schwerpunkt der Französischen Großen Oper zu Beginn auch angekündigt, aber, so Schwarz, "die großen Schinken konnten wir nicht realisieren". Auf jeden Fall wolle "er sich nicht darauf verkrampfen". Mit Blick auf das eigene Repertoire weiß Schwarz, dass "wir in den nächsten Jahren keinen neuen Mozart machen werden". Auch der Alte-Musik-Bereich wird gemieden. Der Neue freut sich auf die kleinen Formen, "die uns das vom Senat und vom Förderverein gestiftete Opernstudio" ermöglicht. Noch ist das Repertoire der Deutschen Oper mit vielen Inszenierungen von Götz Friedrich gefüllt. Die hätten auch heute noch ästhetisch einiges zu sagen, sagt Schwarz. Deshalb werden sie auch weiterhin zu sehen sein. "Aber langfristig", so der Neue, "müsse die eine oder andere ausgetauscht werden."

Mittlerweile ist das Staatsballett Berlin als Untermieter in die Deutsche Oper eingezogen. Schwarz hat sich bereits zweimal mit Ballettintendant Vladimir Malakhov getroffen und betont, dass man künstlerisch getrennt operieren werde. Wobei es Schwarz nicht ausschließt, dass es auch eine Zusammenarbeit geben könne. Vor allem freut er sich darüber, dass die Tänzer jetzt mithelfen werden, Charlottenburg wieder zu beleben. Nach und nach werden sie von Mitte oder Prenzlauer Berg herüberziehen, glaubt Schwarz. Überhaupt beschäftigt ihn die Einbindung des Opernhauses, das er gerne wieder stärker in der Tradition der Bürgeroper verankern möchte. "Das Charlottenburger Publikum, das manche belächeln, ist eine wunderbare Basis", sagt er: "Überhaupt spürt man, dass in Berlin eine neue Konzentration auf Charlottenburg, auf den Westen erfolgt". Nur die Italiener um die Deutsche Oper herum erinnern immer noch an die Achtzigerjahre, scherzt der neue Opernchef.

Von der "Interaktion des Hauses" spricht Dietmar Schwarz mehrfach. Diesbezüglich ist er in Basel durch eine gute Schule gegangen. Dort gibt es weniger Zeitungen, dafür die große Buschtrommel. Es geht anders zu als in Berlin, wo Künstler weitgehend unbeachtet proben, schließlich zur Premiere einladen und dann erst vom Publikum gefeiert oder ausgebuht werden. "In Basel findet lokale Rezeption und Gegenhaltung bereits im Vorfeld statt", sagt Schwarz. Bis zur Premiere ist meist alles entschieden. Deshalb versucht das Theater, sich "stark zu vernetzen und die Produktionen vorher zu kommunizieren". Das findet im Gewerbeverband oder auch bei Großsponsoren statt. Diese Strategie wird er wohl auch nach Berlin übertragen wollen, Schwarz ist - im Gegensatz zu seiner Vorgängerin - erklärtermaßen an verschiedensten Vernetzungen in der Stadt interessiert.

Absage an ein Skandaltheater

"Die Ästhetik des spritzenden Blutes", kündigt Schwarz an, "gehört nicht an die Deutsche Oper." Dabei ist er ziemlich stolz auf die "Aida" des Skandalregisseurs Calixto Bieito in Basel, die heftige Diskussionen auslöste. Den Begriff des Regietheaters mag Schwarz nicht. "Der ist mittlerweile so negativ belastet. Was mich interessiert, ist im Sinne von Richard Wagner das perfekte Zusammenspiel aller. Leider war die Trennung in musikalische und szenische Interpretationen in den letzten Jahren etwas zu stark." Vielleicht wird Schwarz eine ganz andere künstlerische Sichtweise aus der menschelnden Provinz in die anonyme Metropole mitbringen. Es ist die Fähigkeit, Menschen in kleineren sozialen Lebensräumen wahrzunehmen. In Basel kommt eine große Affinität zur Bildenden Kunst hinzu. Bühnenbilder sind dort im Theater bespielbare, belebbare Räume, mit viel Liebe zum Detail. Das Publikum muss sich irgendwie wiederfinden auf der Bühne, eine ungeheure Qualität, wohingegen einem in Berlin oft eine große Leere entgegen schlägt. Möglicherweise ist das einer der Hauptgründe, weshalb sich der Berliner Bühnenbetrieb regelmäßig frisches Theaterblut aus der Provinz holen muss.

Bis zu seinem Amtsantritt ist Dietmar Schwarz allerdings noch mit anderen Dingen beschäftigt. "Momentan sehe ich die meisten Baustellen im Apparat. Es ist wichtig, ihn beweglicher zu kriegen für das, was man künstlerisch vorhat." Dabei weiß er, dass an seinem künftigen Haus, das zweitgrößte Opernhaus Deutschlands, 50 der 550 Planstellen unbesetzt sind. Und dass das Haus unterfinanziert ist. Eines seiner Rezepte: Oper muss "mehr über die Motivation laufen."