Theaterstück "Perplex"

Schaubühne: Das Leben ist ein einziges Verwirrspiel

| Lesedauer: 2 Minuten

Ist Robert übergeschnappt? Oder sind in diesem Moment tatsächlich Dutzende von Augenpaaren auf ihn gerichtet? Nun ja: Jein. Robert Beyer hat keine psychische Störung, auch wenn er irre mit den Augen rollt und sein Körper zuckt. Er steht als Schauspieler in Marius von Mayenburgs neuem Theaterstück "Perplex" auf der Bühne.

Aber seine Figur Robert hat ein Problem: Sie sollte gar nicht wissen, dass wir Zuschauer vor ihr sitzen. Das ist die Verabredung auf dem Theater - hier die Schauspieler, dort das Publikum, und dazwischen eine gedachte vierte Bühnenwand. Nicht so in der Komödie des Schaubühnen-Hausautors Marius von Mayenburg. Robert und Eva (Eva Meckbach) kommen aus dem Urlaub heim. In ihrer Wohnung riecht es seltsam, der Strom ist abgestellt, und in der Küche steht eine Topfpflanze, die Eva noch nie gesehen hat. Das Seltsame wird unheimlich, als Judith (Judith Engel) und Sebastian (Sebastian Schwarz) sich über die Veranda ins Wohnzimmer schleichen. Das befreundete Paar hat während des Urlaubs die Pflanzen gegossen, fühlt sich aber erstaunlich zuhause bei ihnen. Sebastian fläzt sich auf der braunen Ledercouch. Judith zerscheppert nebenan Geschirr und kehrt die Scherben unters Sofa. Wer wohnt denn in dem gediegenen 60er-Jahre-Apartement (Bühne: Nina Wetzel)? Nicht Eva, sagt Judith, und wirft sie raus.

Szenenwechsel, unversehens. Ohne Umbau, nur mittels Worten: Judith und Sebastian sprechen von Robert als ihrem Sohn. Klapp, öffnet sich die Tür am rechten Bühnenrand. Herein kommt Robert Beyer, mit Rudi-Dutschke-Perücke und Ringelpullover. Er zappelt wie ein Achtjähriger, schiebt grimassierend Plastikdinosaurier über den Tisch und versteckt sich weinerlich unter dem Mantel seines Au-Pair-Mädchens Eva. Ein Lacherfolg.

Die vier Schauspieler wechseln die Rollen wie ihre Kostüme. Judith Engel verwandelt sich von der neurotischen Gattin in eine ältliche Ferienvermieterin mit stramm rechtsextremer Gesinnung. Das strenge, altmodische Kostüm tauscht sie gegen eine knallenge Lederhose. Dann berlinert sie die Proll-Schlampe an die Rampe. Oder Robert: Er findet im Schrank des Nazi-Feriendomizils eine SS-Uniform. Unvermittelter Schnitt, Umdeutung der Szene zum Kostümfest "Nordische Nächte". Robert ist jetzt wieder erwachsen - und der Mann von Judith. Immer irrwitziger wird die Handlung: Die Party mit Partnertausch mündet in Sex mit einem Elch. Je mehr das Publikum das Verwirrspiel genießt, desto verstörter wirken die Figuren. Zum Schluss ahnt Robert, dass sein Leben nur Theater ist. Entsetzen, Augenrollen, Gliederzucken - aber so schlimm ist's dann doch nicht, und Robert hilft Sebastian, das Bühnenbild abzubauen. Mit "Perplex" hat von Mayenburg den vier formidablen Schaubühnen-Darstellern eine rasante Komödie auf den Leib geschrieben, die nebenbei das Medium Theater reflektiert. Bürgerliches Illusionstheater, psychologischer Realismus? Nichts wie weg damit. Erfrischend - und sehenswert!

Perplex Schaubühne, Kurfürstendamm 113, Wilmersdorf. Tel. 89 00 23. Nächste Termine: 23. u. 30. November; 1. Dezember, 20 Uhr.