Bühne

Besucheransturm an Berlins Theatern

Theater boomt: 817 000 Zuschauer kamen im vergangenen Jahr allein in die großen, staatlich unterstützten Sprechtheater - etwa 68 000 mehr als 2009. Das ging zwar als Krisenjahr in die Geschichte ein, aber in Berlin weitgehend spurlos an den Bühnen vorüber. Umso erstaunlicher, dass die guten Zahlen dann 2010 nochmals gesteigert werden konnten.

Ein Trend, der sich auf die Sprechtheater beschränkt: Denn während die Konzerthäuser mit rund 530 000 Zuhörern ihre Zahlen nahezu halten konnten, verloren die Opernhäuser (einschließlich des Staatsballetts) deutlich: Kamen 2009 noch rund 787 000 Besucher in die drei großen Musiktheater, waren es im vergangenen Jahr rund 70 000 weniger. Das lässt sich zumindest teilweise erklären mit dem Umzug der Staatsoper Unter den Linden ins Ausweichquartier Schiller-Theater - dort ist die Kapazität mit knapp 1000 Plätzen deutlich geringer als im angestammten Haus. Das bleibt noch bis Herbst 2013 wegen der Generalsanierung geschlossen.

Die Besucher- und Auslastungszahlen des vergangenen Jahres hat die Senatskanzlei unter Federführung des auch für Kultur zuständigen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit zusammengestellt. Dieser Jahresbericht über die "finanzielle Entwicklung der landeseigenen Theater- und Orchesterbetriebe" liegt der Berliner Morgenpost exklusiv vor - er soll am kommenden Montag im Kulturausschuss diskutiert werden.

Erfolg mit Wagner-Wochen

Tauchen die Abgeordneten tiefer in den zahlengetränkten Bericht ein, dann müssten sie Kirsten Harms, die Chefin der Deutschen Oper, ausdrücklich loben: Denn die Intendantin, deren Vertrag in diesem Sommer ausläuft, kann richtig gute Zahlen vorlegen - und sogar den Primus Staatsoper bei den Besucherzahlen überholen: Mit 229 000 verkauften Karten konnte die Deutsche Oper im vergangenen Jahr ihr schon ordentliches Ergebnis 2009 nochmals verbessern (ein Plus von 5000). Die Staatsoper kam nur auf 178 000 verkaufte Tickets - wobei sie wegen des Umzugs nur eine halbe Spielzeit im Stammhaus Unter den Linden hatte. Geradezu sensationell ist die Steigerung der Auslastung, die Kirsten Harms in dem mit etwa 1800 Plätzen größten Berliner Opernhaus gelungen ist. Die Auslastung ging - auch dank der Wagner-Wochen - rasant nach oben: von 65,6 auf 77,1 Prozent. Ein Plus von 11,5 Prozentpunkten - auf dem politischen Parkett geling Vergleichbares momentan nur den Grünen. Auch an der Kasse macht sich die positive Entwicklung bemerkbar: Der durchschnittliche Kartenerlös stieg bei der Deutschen Oper von 34 auf über 40 Euro.

Traditionell kann da Berlins drittes Musiktheater nicht mithalten: die Komische Oper kommt auf eine Auslastung von 61,1 Prozent - ein Anstieg um 0,9 Prozentpunkte im Vergleich zu 2009. Dank der zweiten Jahreshälfte gelang dem Haus zwar eine deutliche Steigerung (nach 56 Prozent im ersten Halbjahr 2010), aber für ein hochsubventioniertes Theater ist das zu wenig. Auch aus Sicht der Komischen Oper selbst, die sich im Wirtschaftsplan als Ziel die 64-Prozent-Marke gesetzt hatte - und verfehlte. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr knapp 157 000 Karten verkauft - ein Rückgang um 16 000. Auch beim durchschnittlichen Kartenerlös liegt die Komische Oper mit 22 Euro (ein Plus von 50 Cent) eher auf Sprechtheaterniveau.

Immerhin aber zeigt das Beispiel der Deutschen Oper, dass es möglich ist, aus dem Tal herauszukommen. In der Politik setzt man im Fall der Komischen Oper mittlerweile auf den neuen Intendanten, wie Klaus Wowereit kürzlich im Kulturausschuss betonte. Andreas Homoki wird das Haus in Richtung Zürich verlassen, sein Nachfolger Barrie Kosky übernimmt im Sommer 2012.

Bei den Sprechtheatern bietet sich das vertraute Bild: Claus Peymann, Direktor des Berliner Ensembles (BE), der seine Kollegen mit monatlichen Auslastungs- und Einnahmemitteilungen nervt, veranstaltet ein höchst erfolgreiches Theater - zumindest ökonomisch: Mit 182 000 verkauften Tickets und einer Auslastung von 80,2 Prozent konnte er sein gutes 2009er-Ergebnis halten und den durchschnittlichen Kartenerlös (16,30 Euro) leicht steigern. Mit 16,90 Euro liegt das Deutsche Theater (DT) allerdings in diesem Punkt immer noch knapp vor dem BE. Ansonsten gingen die Zahlen beim DT leicht zurück: Mit 159 000 Karten wurden knapp 4000 weniger verkauft als 2009, die Auslastung sank von 79,1 auf 76,3 Prozent.

Volksbühne: Auslastung sinkt

Deutlich aufwärts ging es dagegen bei der Schaubühne: Fast 97 000 Tickets setzte das Theater am Lehniner Platz im vergangenen Jahr ab, knapp 16 000 mehr als 2009. Die Auslastung stieg ebenfalls: von 73,7 auf 78,4 Prozent.

Während das Maxim Gorki Theater sich als Meister der Ergebnishaltung präsentiert (75 Prozent Auslastung, 77 000 verkaufte Karten), hat die Volksbühne bei der Auslastung einen Einbruch erlebt: Das von Frank Castorf geleitete Theater nähert sich mit 62,6 Prozent bedenklich dem Wert der Komischen Oper, konnte aber mit knapp 112 000 Karten rund 26 000 mehr verkaufen. Zwei Faktoren haben das begünstigt: Nach der sanierungsbedingten Teilschließung 2009 wurde in der Volksbühne wieder mehr gespielt - und mit dem Verschwinden der Sitzkissen und dem Einbau der normalen Bestuhlung erhöhte sich die Kapazität deutlich.

Allerdings sind 817 000 verkaufte Karten im Schauspielbereich nur die halbe Wahrheit. Rechnet man die freie Szene mit ihren weit über 100 Gruppen dazu, die privat betriebenen Einrichtungen wie die Kudamm-Bühnen (228 000 Zuschauern im vergangenen Jahr), das Prime Time Theater, das Schlossparktheater und auch die Kinder- und Jugendbühnen wie das Theater Strahl, das Theater an der Parkaue und das Grips, das im vergangenen Jahr mit 86 000 Karten rund 15 000 mehr verkaufte und die Auslastung auf 85,8 Prozent steigerte, dann kommt man allein im Sprechtheater locker auf 1,5 Millionen Besucher. Die goutieren die vielfältigen Angebote und die unterschiedlichen Handschriften, denn vom krassen Regietheater bis zur klassischen Boulevardkomödie reicht das Spektrum. Und das honoriert das Publikum offenbar - in guten wie in schlechten Zeiten.