Konzert

Jede Menge Pathos und ein gehöriger Schuss Kraftwerk

Man kann sich umhören, wo man will: Die elektronische Popmusik der Achtzigerjahre ist allgegenwärtig. Dieser Tage erscheint ein neues Album von Alphaville, vor wenigen Tagen erst gab es ein Gastspiel von The Human League im Radialsystem V und das junge, von alten Zeiten inspirierte Duo Hurts gehört zu den Newcomern des Jahres.

Auch Orchestral Manoeuvres In The Dark sind zurück - und ganz offensichtlich nie vergessen worden. Beim Konzert der englischen Band im ausverkauften Tempodrom kommt es mehrfach zu anhaltenden Jubelstürmen, die das Normalmaß deutlich überschreiten. Die Musiker sind angesichts dieser Reaktion selbst überrascht und halten angesichts der Gänsehautatmosphäre erst einmal inne.

Da fragt man sich natürlich, warum die Herren überhaupt so lange von der Bildfläche verschwunden waren. OMD gehören zu den Pionieren des britischen Synthesizer-Pop, ihre Debütsingle "Electricity" aus dem Jahr 1979 war eine der ersten ihrer Art. Ihr folgten unzählige Alben und Hit-Singles, die aus dem Gespann aus der Gegend von Liverpool eine prägende Pop-Formation der Achtziger machten. 1996 löste Sänger Andy McCluskey die Band wegen nachlassenden Interesses auf, doch schon zehn Jahre später revidierte er den Entschluss. Das Comeback erlebte vor wenigen Monaten mit der Veröffentlichung des Albums "History Of Modern" einen neuen Höhepunkt.

Als der Vorhang im Tempodrom fällt wird es laut und hell. McCluskey am Bass, Paul Humphreys und Martin Cooper an den Keyboards und Schlagzeuger Malcolm Holmes bieten einen Sound an, der auch für größere Hallen kraftvoll genug sein dürfte. Mehrere Scheinwerfer und LED-Balken sind voll auf das Publikum gerichtet und malträtieren nach Tagen voller Regen und Dunkelheit die Augen. Die euphorische Ouvertüre "New Babies, New Toys" sorgt für einen zusätzlichen Hallo-Wach-Effekt. OMD haben in ihrer britischen Heimat zunächst Konzerte gegeben, bei denen sie Alben aus ihrer Diskografie in Gänze vorgestellt haben. Im Tempodrom dagegen achten sie darauf, dass Nostalgie und Aktualität gut ausbalanciert sind.

"Messages" war die erste bekanntere Single der Band, die aus dem Debütalbum stammt, das wegen des ins Cover eingestanzten Lochkartenmusters viel Kosten versucht hat. Auf der Videowand sind frankierte Briefumschläge zu sehen, in den Akkorden kommt die Bewunderung gegenüber deutscher Tonkunst zum Ausdruck, vor allem der von Kraftwerk. Nach ihrer experimentellen, von den Nachwehen des Punk beeinflussten Phase schalteten OMD 1984 mit dem Album "Junk Culture" auf einen eingängigeren Stil um. Den Songs "Tesla Girls", "Locomotion" und "Talking And Clear" fehlt zwar die Reibungsfläche und der ganz große emotionale Überschwang, der in den Kulthits "Enola Gay" oder "Joan Of Arc (Maid Of Orleans)" steckt. Aber das tut der Freude für viele keinen Abbruch.

Immer wieder wird gegenwärtig, was für großartige Hit-Autoren McCluskey und Humphreys doch sind. Und wie es aussieht, können sie mit den neuen Stücken "Sister Marie Says" und "If You Want It" an alte Glorie anknüpfen. Im Tempodrom jedenfalls werden diese neuen Kompositionen genauso gefeiert wie "Electricity", mit dem der Abend endet. McCluskey kündigt einen sehr schnellen Rhythmus an. Der Sänger gerät ins Schwitzen, muss auf die Bremse treten. Er ist eben keine 20 mehr - ganz im Gegensatz zu seiner Musik, die scheinbar nie alt wird.