Zum 80. Geburtstag von Rolf Hochhuth

Mit dem Recht auf Pathos und Empörung

Hochhuth nervt. Das ist weder sein Hobby noch sein Beruf: Es ist innere Bestimmung, er kann von seiner Konstitution her gar nicht anders. Generationen von Theaterkritikern (darunter auch ich) haben sich an ihm abgearbeitet, um den allzu leicht zu führenden Nachweis zu erbringen, dass dieser Dramatiker vom künstlerischen Standpunkt keine guten, teils sogar miserable Dramen schreibe.

Deren Publikumskarriere hat das, zumindest relativ lange, nicht im Geringsten beeinträchtigt.

Die katholische Kirche und ihr nahe stehende Parteien verdammten ihn einst als Tempelschänder, weil er Papst Pius XII. vorwarf, den Geist von Jesu Christi Botschaft und den der Humanität durch sein Schweigen zum Holocaust verraten zu haben. Nicht zuletzt deshalb wurde das Bühnendebüt des 32-jährigen Rolf Hochhuth, "Der Stellvertreter" von anno 1963, zum spektakulärsten Theatererfolg eines deutschen Autors im 20. Jahrhundert. Dass die von vielen betriebene Seligsprechung Eugenio Pacellis immer noch auf sich warten lässt, bleibt im Grunde sein Verdienst.

Zudem hat Hochhuth - auch solche Leistung ist unter Literaten ohne Konkurrenz - buchstäblich mit einem einzigen Satz einen CDU-Landesfürsten vom Thron gestoßen: den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, den er - mit gerichtlicher Erlaubnis - füglich einen "furchtbaren Juristen" nennen durfte. Freilich hat ihn Filbinger gegen seinen Willen unterstützt, indem er gegen ihn klagte. Als dann immer mehr Todesurteile des weiland Marinestabsrichters ans Licht kamen, musste er sich aus seinen Ämtern verabschieden: Die Untaten der NS-Militärjustiz und das "pathologisch gute Gewissen" hatten Hans Filbinger eingeholt.

Hochhuth, dessen Berliner Wohnung einen Ausblick aufs Holocaust-Mahnmal bietet, hat kein heißes Eisen ausgespart - ein Rechercheur mit untrüglichem Instinkt für das Brisante, aus dem Gedächtnis Getilgte. Er polarisierte nicht als gewiefter Marketingstratege um des allgemeinen Aufsehens willen, sondern als literarischer Überzeugungstäter, mit dem Recht und dem Pathos der Empörung.

Die Schaubühne ist ihm nun einmal moralische und politische Anstalt zugleich. Und wenn er als Publizist die Friedhofsruhe des Vergessens und Verdrängens brach, sich den fast unbekannten Helden und Widerständigen der NS-Ära widmete, die aktive Opfer waren - so dem Hitler-Attentäter Johann Georg Elser -, dann wuchs er über sich hinaus: zum Aufklärer, zum Rhetor und Anwalt der Menschlichkeit. Ein Gleiches gilt für den Erzähler Hochhuth - von der "Berliner Antigone" bis zu "Eine Liebe in Deutschland".

Machte er hingegen dem nordatlantischen Waffenbündnis ("Lysistrate und die Nato"), der CIA ("Guerillas") oder Protagonisten Ersten Weltkriegs ("Sommer 14") den theatralischen Prozess, fühlte man sich als Besucher eines Wachsfigurenkabinetts mit lauter klingenden historischen Namen. Eine Pointe der Rezeptionsgeschichte: Einar Schleefs Version von "Wessis in Weimar" am Berliner Ensemble, die deren Urheber am liebsten hätte verbieten lassen, da sie sich rücksichtslos über seine Intentionen hinwegsetzte, den Text gewaltsam dekonstruierte, dürfte als die ästhetisch spannendste Hochhuth-Produktion in die Annalen eingehen.

In jüngster Vergangenheit sorgte in erster Linie eine Nebenfunktion des engagierten Homme de lettres für Schlagzeilen: Sein über eine von ihm gegründete Stiftung wahrgenommenes Eigentumsrecht am Gebäude des Berliner Ensemble, dem Theater am Schiffbauerdamm, wo er Hausherr mit äußert beschränkten Befugnissen ist und dementsprechend konfliktfreudig handelt. Gewiss, zuweilen grenzt Hochhuths unbeirrbar impulsives Verhalten ans Rufschädigende in eigener Sache.

Den Rang der historischen Gestalt in der Kultur der Bundesrepublik vermögen derlei Scharmützel und Querelen indes nicht mehr zu mindern. Schon jetzt steht sein Denkmal "fest gemauert in der Erden", wie es bei Schiller heißt, einem von Hochhuths Lieblingsdichtern. Dieser Literaturaktionist und freie Radikale (im außermedizinischen Sinn) wurde - nehmt alles nur in allem - Deutschlands wichtigster Störenfried und Unruhestifter, der Weltgerichtsschreiber schlechthin.

Heute feiert Rolf Hochhuth seinen 80. Geburtstag.