Theater

Die Sehnsucht nach dem Echten

Nicht nur Schauspieler stehen heutzutage auf den Theaterbühnen. Sondern auch Ex-Knackis, Muezzine, Diplomaten-Kinder, Übersetzer, Schöffen, Partnerschaftsvermittlerinnen oder gar ein Terrarium voller Heuschrecken. Sie alle sind die Protagonisten eines neuen Dokumentartheaters, das sich steigender Beliebtheit erfreut. Warum ist das so?

Unser Leben scheint immer stärker von Virtualität durchdrungen, es verlagert sich in digitale Welten und soziale Netzwerke, während der persönliche, direkte Kontakt immer seltener wird. Gleichzeitig differenziert sich die arbeitsteilige Gesellschaft stark aus, so dass kaum noch jemand versteht, womit der Nachbar, geschweige denn der weiter Entfernte, Arbeits- und Freizeit verbringt. Hier kann das Theater in Erklärungslücken stoßen - und ist zudem prädestiniert dafür, Fragen nach Authentizität und (Selbst)Inszenierung stellen.

Der Sehnsucht nach dem Echten wird auf der Bühne ganz unterschiedlich begegnet. Seien es die zwischen Dichtung und Wahrheit changierenden autobiografischen Erzählabende des Burgtheater-Schauspielers Joachim Meyerhoff, derzeit am Maxim Gorki Theater zu sehen, oder die wuchtigen Chorabende von Volker Lösch an der Berliner Schaubühne. Der ließ für "Berlin Alexanderplatz" ehemalige Häftlinge aus dem Publikum aufstehen, im Panzerknacker-Outfit auf Geldsackberge steigen und ihre Erfahrungen im chorischen Kollektiv herauszuschmettern. Bei Lösch, der schon mit Chören von Hartz-IV-Empfängern, Prostituierten, türkischstämmigen Jugendlichen gearbeitet hat, geht es stets auch darum, denen Gehör zu verschaffen, die auf der gesellschaftlichen Bühne kaum vorkommen.

Auf der Bühne: die echten Väter

Kein Name aber ist so mit dem neuen Dokumentartheater der vergangenen Jahre verknüpft wie der des Dreier-Kollektivs Rimini Protokoll. Dieses Label steht seit 2002 für Arbeiten von Stefan Kaegi, Helgard Haug und Daniel Wetzel, die sich in den neunziger Jahren am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen kennenlernten. Von dieser Hochburg der avantgardistischen Theaterformen sind mit Künstlern wie René Pollesch, Gob Squad oder She She Pop viele der spannendsten Impulse ausgegangen, die nicht nur die freie Szene, sondern auch die Stadttheater befruchtet haben. Rimini Protokoll arbeiten stets mit sogenannten "Experten des Alltags". Diese sind zwar Theaterlaien, aber eben Spezialisten auf einem Fachgebiet der wirklichen Welt. Und eben davon erzählen sie auf der Bühne. In "Deadline" verhandelten Steinmetz, Trauerredner und Medizinstudentin unseren Umgang mit dem Tod, in "Wallenstein" wurde Schillers Personal auf eine heutige Besetzung hin umgedeutet - im Zentrum stand ein ehemaliger Oberbürgermeister-Kandidat. Die Riministen erklärten aber auch schon eine Daimler-Hauptversammlung zur Inszenierung - und schleusten Zuschauer per Aktienkauf ein.

Die Gruppe She She Pop, aus einem Mann und sechs Frauen bestehend, laden ihre Zuschauer hingegen gern zur Interaktion ein. Für ihren Abend "Testament" haben sie allerdings drei ihrer leiblichen Väter auf die Bühne gebeten, um mit ihnen Fragen des Älterwerdens, des Erbens und der Pflege zu verhandeln. Für diese ungemein berührende, intelligente und unterhaltsame Arbeit nach Shakespeares "König Lear" sind sie nicht nur auf zum Berliner Theatertreffen im Mai eingeladen, sondern werden auch mit dem Friedrich-Luft-Preis 2010 der Berliner Morgenpost ausgezeichnet. Während Rimini Protokoll das Publikum in die hochspezialisierte Nischen unserer Gesellschaft blicken lässt, verhandeln She She Pop stellvertretend eine Privatsache, die jedermann bevorsteht, aber in den wenigsten Familien offen erörtert wird. Nüchtern sezieren sie in dieser schonungslosen autobiografischen Selbstbefragung den Auftakt von "König Lear" als Tauschhandel: Land gegen Liebe. Aber wie geht gerechtes Vererben? Bekommt der kinderlose Sohn mehr, weil bei der Tochter die Enkel gehütet wurden? Die familiären Tiefenbohrungen wagen sich bis zur Schmerzgrenze vor. Doch indem Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse klar benannt werden, schwindet auch ihre Bannkraft, scheint fast etwas wie die Utopie aufrichtiger Zwischenmenschlichkeit durch. Daneben werden Protokolle der Proben zitiert, die hier gleichsam die Einwände gegen dieses Theater und das Ringen um die gemeinsame Vater-Tochter-Arbeit dokumentieren.

Von dem Dokumentartheater der sechziger Jahre, für das Peter Weiss, Rolf Hochhuth und Heinar Kipphardt stehen, haben sich die heutigen Ansätze deutlich entfernt. In deren Stücken ging es oft darum, die (nationalsozialistische) Vergangenheit aufzuarbeiten und Geschichte über den O-Ton der Dokumente zu vermitteln. Vor allem hatten die Stücke dabei eine klare moralische Ausrichtung - wider das Tätersystem. Der Differenzierungsspezialist Hans-Werner Kroesinger knüpft an diese politisch versierte Tradition zwar an. Allerdings zerstäubt er die eine Wahrheit stets in multiperspektivische Kaleidoskope, in denen man vor lauter Differenziertheit durchaus auch mal den Überblick verlieren kann. Mit Vorliebe nimmt er Kriegs- und Krisenregionen in den Blick: Darfur, Ruanda, Beirut, Kosovo. Kroesinger versucht, Argumentslinien vorzuführen und miteinander zu kreuzen; es überwiegt der distanzierte, analytische Blick. Entsprechend stehen bei ihm auch keine Alltags-Experten, sondern Schauspieler auf der Bühne.

Klassische Theater ziehen nach

Clemens Bechtel, wie Kroesinger Gießen-Absolvent, arbeitet mal mit Profis, mal mit Laien. In seinen mit dem Friedrich-Luft-Preis 2008 ausgezeichneten "Staats-Sicherheiten" am Hans Otto Theater standen prominente DDR-Oppositionelle wie Vera Lengsfeld oder die Fernsehmoderatorin Edda Schönherz zusammen mit anderen Regime-Opfern auf der Bühne und erzählten von der alltäglichen Drangsalierung in den DDR-Gefängnissen, in der sie alle gesessen haben.

Auch im klassischen Schauspieltheater ist der Echtheits-Hunger zu spüren. So hielt man etwa an dem Theater des 2009 verstorbenen Jürgen Gosch ("Onkel Wanja", "Die Möwe") auf einmal wieder die Glaubwürdigkeit der Darsteller hoch, die lange Zeit kein Maß für Schauspielergüte gewesen war. Auch bei Gosch wurde bejubelt, wie die Wirklichkeit ins Spiel hereinzubrechen schien, das Brüchig-Werden der Fiktion, den Anflug des Echten und Wahren und Authentischen. So heißt's auf allen Bühnen: Tür auf für die Wirklichkeit.