Frank Lüdecke

"Kabarettisten müssen nicht brüllen, um glaubwürdig zu sein"

Der Berliner Kabarettist ist der amtierende Preisträger: Er sei "ein Querdenker, der klug und garstig zugleich Verbindungen herstellt, wo kaum einer sie zu vermuten gewagt hätte", hatte die Jury des Deutschen Kleinkunstpreises 2011 über ihn geurteilt. Frank Lüdecke, Jahrgang 1961, ist zweifellos einer der profiliertesten Polit-Kabarettisten.

Das zeigt der studierte Germanist, der seine Magisterarbeit über Kurt Tucholsky schrieb, auch in seinem aktuellen Programm "Die Kunst des Nehmens", das in Kopenhagen Premiere hatte und mit dem er nun auch in seinem Berliner Stammhaus, den Wühlmäusen, anzutreffen ist.

Frank Lüdecke führt sein Publikum gern aufs Glatteis, durchbricht eingefahrene Denkstrukturen. Dann versucht er einzudringen in die globalen Verflechtungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Auch sein nunmehr sechstes Soloprogramm beginnt mit einer Finte, dem jähen Sturz einer Lichtgestalt, dem Rücktritt des Jahres. Doch nicht vom Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg ist hier die Rede, sondern von Ralf Köhler, Trainer des SSV Homburg-Nürnbrecht. Über den anderen sei schon alles gesagt, merkt Lüdecke an, und verliert kein weiteres Wort darüber.

Politik und Realität eins zu eins wiederzugeben, war noch nie Lüdeckes Sache. Er findet "es langweilig, mit einer Haltung hausieren zu gehen. Der Zuschauer muss selbst eruieren, wo er steht." Für Lüdecke ist Kabarett ein intellektuelles Spiel, mit dem er keine Handlungsanweisungen für sein Publikum verknüpft. Hellhörig wird er, wenn Satire nur über Politikernamen funktioniert. "Damit einen Witz zu erzielen ist einfach, weil die Leute glauben, der Politiker sei blöd. Das hat aber nichts mit satirischer Verarbeitung zu tun und ist für mich nicht ganz sauber, denn es kommt nicht auf den Namen an, sondern auf die Struktur. Außerdem haben Politiker oft nichts mehr zu sagen", so Lüdecke.

Wirtschaftsthemen werden wichtiger

Deshalb spielen im neuen Programm verstärkt Wirtschaftsthemen eine Rolle, wobei der Kabarettist stillschweigend davon ausgeht, dass kein Steuerzahler begeistert darüber ist, marode Staatswirtschaften und zockende Banken zu subventionieren. Frank Lüdecke führt die Diskussion mitsamt aller Dementis, hilflosen Politikergesten und Lamentos zu Ursachen und Lösungen der Finanzkrise ad absurdum, in dem er alle Führungskräfte mit einer genetischen Störung entschuldigt. Die Aussetzer, das Halligalli beim Gedanken an Geld seien neurobiologisch determiniert. Wäre die Hirnforschung da schneller gewesen, wäre jetzt Peter Maffay Aufsichtsratvorsitzender der Deutschen Bank, nicht Josef Ackermann. Aber wer will das schon?

Dass der Querdenker Frank Lüdecke mit der höchsten Branchentrophäe, dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett, ausgezeichnet wurde, war in gewisser Weise längst überfällig. Bereits 1979 hatte er seine erste Kabarett-Gruppe gegründet, die Phrasenmäher. Populär wurde er auch durch seine TV-Zusammenarbeit mit Dieter Hallervorden ("Spott-Light"), der heute das Berliner Schlosspark-Theater führt. Mitte der Neunziger wechselte Lüdecke als Autor und Mitspieler zum Düsseldorfer Kom(m)ödchen, bevor er zurück in Berlin ein Solokarriere machte. Seither ist er auch auf den Bildschirmen gefragter Stammgast, egal ob in der ARD-Sendung "Scheibenwischer" oder im Nachfolge-Format "Satire Gipfel".

Mit Ostalgie hat er nichts am Hut

Der gebürtige Charlottenburger, der heute mit seiner Familie in Kleinmachnow lebt, war von 2006 bis 2008 zudem Künstlerischer Leiter des Kabarett-Theaters Die Distel. Er rettete das Haus vor der Bedeutungslosigkeit, indem er das Ensemble-Spiel modernisierte, die Programme von Ostalgie befreite und als Autor zeigte, dass mit Pointen allein kein politisches Kabarett zu stemmen ist, sondern mit den Gedankengängen, die dahinter stecken. Dann klappt es auch ganz ohne die von manchen Kabarettisten gern genutzte Aggressivität: "Es ist eine Chimäre, wenn man meint, brüllen zu müssen, um glaubwürdig zu sein", sagt Frank Lüdecke: "Dadurch wird Kabarett nicht schärfer oder wahrhaftiger."

Sein lässig-freundlicher Tonfall kommt an. Nicht nur bei jüngeren Kabarett-Zuschauern, sondern auch bei den Kopenhagener, wo der Kabarettist seit 1993 seine Programm-Premieren stets vor ausverkauftem Haus feiert. Die Dänen lassen sich keine Gelegenheit entgehen, über den großen Bruder Deutschland zu lachen. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn haben sie allerdings keinen Begriff fürs politische Kabarett. Sie nennen es Stand-up-Comedy mit Inhalt.

Die Wühlmäuse , Pommernallee 2-4, Charlottenburg. Tel. 306 730 11. Termine: 2.4. & 7.5. um 16 Uhr.

Schlosspark Theater , Schloßstr. 48, Steglitz. Tel. 789 5667 100 Termin: 3.4. um 16 Uhr

Diestel , Friedrichstr. 101, Mitte. Tel. 204 47 04 Termin: 10.4. um 18 Uhr.

Im TV NDR: Intensivstation am 31.3. um 23.15 Uhr. WDR: Mitternachtsspitzen am 2.4. um 21.45 Uhr.