Musik

Morgen berühmt, schon heute gesehen: The Naked and Famous

Eigentlich denkt man, diese Band müsste längst große Hallen füllen, alle müssten sie lieben. Sie würden auf den Titeln der Musikmagazine abgebildet sein, ihre Looks würden kopiert werden, ihre Musik auf Theorie und Praxis geprüft. Man würde ihre Heimat Neuseeland zur Wiege für einen neuen Sound erklären.

Sie würden eine neue musikalische Phase einleiten. Aber die Wege des Hypes sind unergründlich. Und wahrscheinlich ist das auch alles eine Frage von Zeit und Geduld, denn das Debüt-Album "Passive Me, Aggressive You" von The Naked And Famous ist erst seit ein paar Tagen auf dem nationalen Markt erhältlich. Auf der anderen Seite: Das Lido ist beim Konzert am Dienstagabend bereits ausverkauft und im Publikum tuschelt es, dass The Naked And Famous die neuen MGMT seien.

Dumpfer Sound klingt aus den Boxen, durchstochen nur von einer klaren Highhead und dem Kreischen der Fans. Die Sängerin trägt ein fledermausflügelähnliches Oberteil mit schwarz-weißen Leopardenprint, ihre langen schwarzen Haare hängen vor ihrem Gesicht. Zumindest bei den ersten Songs. Zur Mitte hin löst sie sich im wirbelnden Tanz. Sie, die nebenbei eines der beiden Keyboards bedient, ist oft schwer zu hören, aber das scheint so sein zu müssen oder nur noch nicht ganz zu klappen. Ein Filter scheint auf allem zu liegen, wie eine Decke aus Sound. Der Bassist neben ihr trägt ein schwarzrotes Grunge-Hemd, sein Pony und die langen Haare rahmen sein Gesicht ein. Der Sänger dagegen trägt ein dunkles, streng geschlossenes Hemd, inklusive akkuratem Scheitel. Eine richtige Indie-Band eben. Vier Jungs und ein Mädchen gehören zur Band. Zwei von ihnen lernten sich bei ihrem Musikstudium kennen, schrieben Songs, dann kam die Livebesetzung dazu. Sie benannten sich nach einer Songzeile von Tricky, sind Fans von Nine Inch Nails, mit denen sie einst im Vorprogramm tourten. So richtig vorstellen kann man sich das nicht.

In der Tat gibt es Ähnlichkeiten zur Musik von MGMT oder auch Empire Of The Sun, nur fehlt das Pfeifige, das schludrig Gutgelaunte. The Naked and Famous sind fordernder, sperriger, sie reizen ihre Hörer mit Noise und verzerrten Gitarren; es sind vielschichtige Crossoversounds, mal Dance, mal Grunge und dann wieder so weite Klangwelten, wie man sich die Landschaft ihrer Heimat vorstellen mag.

Sie wollen der Tanzmusik die Tiefgründigkeit wieder geben, lassen sie wissen. "Nur weil es Songs sind, zu denen man feiern oder tanzen kann, bedeutet das ja nicht, dass man darin keine anspruchsvollen Themen behandeln oder nichts ansprechen darf, was auch mal wehtut." sagt die Sängerin Alisa Xayalith. Etwas, das man nicht gleich merkt beim Yeah, Yeah, Yeah-Refrain des Hits, doch im Stück "Girls Like You", wird es dann schon spannender. Er würde nicht lügen, wenn er sagen würde, dass dies ein Song über ein Mädchen aus Berlin sei, sagt der Sänger und Gitarrist Thom Powers auf der Bühne und singt dann von einem Mädchen, dessen Herz unter ihren schönen Anziehsachen begraben liegt und, die nicht tanzen könnte, wenn niemand zuschauen würde. Zu The Naked And Famous würde sie es vielleicht doch tun.