Musik

Abschied mit Orchester

Deutschlands erfolgreichste Rockband ist in diesem Jahr auf Abschiedstournee. Am 11. Juli machen die Scorpions Station in Berlin: Zum 20. Geburtstag des Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt geben die Hannoveraner Altrocker ein rocksinfonisches Konzert gemeinsam mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg. Mit den beiden Bandmitgliedern Rudolf Schenker (Gitarre) und Klaus Meine (Gesang) sprach Ekkehard Kern.

Berliner Morgenpost: Sie sind seit Jahrzehnten als Musiker unterwegs. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Berlin?

Rudolf Schenker: Wir haben in Berlin schon in den Siebzigern in vielen Locations wie der Dachluke gespielt. Aber dazu mussten wir erst über der Grenze, wovor es uns gegraut hat, weil sie uns da immer ausnehmen wollten. Berlin hatte immer etwas Besonderes mit den Scorpions zu tun - ob es nun geteilt war oder auch jetzt, nachdem es zusammengewachsen ist.

Berliner Morgenpost: Wie macht sich Berlin im internationalen Vergleich?

Schenker: Die Stadt hat sich unglaublich gut entwickelt. Sie ist eine echte Kunstmetropole. Das sieht man ja auch daran, dass Musiker wie U2 und David Bowie hierher kamen und hier gearbeitet haben. Berlin hat eine ganz besondere Persönlichkeit.

Klaus Meine: Auch in den Achtzigern haben wir hier schon tolle Fans gehabt. Die Menschen in Berlin haben eine eigene Mentalität. Sie haben das Herz auf der Zunge. Und wenn du hier erfolgreich bist, dann bedeutet das besonders viel. Ein ganz besonderer Moment war es, als wir im vergangenen Jahr auf der Bühne der ausverkauften O2 World standen. Und 20 Jahre Classic Open Air im Sommer ist natürlich noch einmal eine Zugabe.

Berliner Morgenpost: Ihr wohl bekanntester Song, "Wind Of Change" gilt als Soundtrack der friedlichen Revolution 1989/90. Er hat damit auch viel mit Berlin zu tun...

Meine: Über die Entstehungsgeschichte des Songs kursieren viele Gerüchte, viel ist falsch interpretiert worden. Manche meinen sogar, der Song sei nach dem Fall der Mauer entstanden. Tatsache ist, dass die Scorpions 1988 als eine der ersten Bands in die Sowjetunion gegangen sind, dass wir Konzerte hinter dem Eisernen Vorhang gespielt haben, dass wir, vom KGB begleitet, unsere ersten Schritte als Rockband in der alten Sowjetunion gemacht haben. Damals war es noch sehr schwierig, überhaupt die Genehmigung zu bekommen, in Moskau oder St. Petersburg - damals noch Leningrad - Konzerte zu spielen.

Berliner Morgenpost: Worauf spielt der Song genau an?

Meine: Die Entstehungsgeschichte des Songs basiert auf dem, was wir erlebt haben, 1988 in Leningrad und 1989 in Moskau. Als wir vor 200 000 Leuten im Lenin-Stadion zwei Nächte auf der Bühne standen und sahen, dass die Welt sich vor unseren Augen verändert. Und die jungen Leute haben uns vorhergesagt, dass die Zeiten des Kalten Krieges bald vorbei sein werden. Das war eine neue Generation. Da war ein Gefühl von Hoffnung in der Luft, dass die Dinge einfach in Bewegung kommen, dass diese verhärteten Blöcke sich auflösen. Und Musik hatte da ihren Anteil - als Brücke in den Osten.

Berliner Morgenpost: ... und dann fiel die Mauer ...

Meine: Ja, wenige Monate später. So etwas kann man natürlich nicht planen. Da ist alles zusammen gekommen. Und "Wind Of Change" wurde zum Ausdruck eines historischen Moments. Wir haben in der Sowjetunion damals gespürt, dass mit Michail Gorbatschow da jemand ist, der kein Hardliner ist. Er hat es möglich gemacht, dass ein riesiges Festival mitten in Moskau stattfinden kann, was ein Jahr vorher überhaupt noch nicht möglich war. Man hatte uns damals die Moskau-Konzerte gestrichen.

Berliner Morgenpost: Im Sommer spielen Sie beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt. Was bekommt das Publikum zu hören?

Schenker: Wir zeigen da noch einmal unsere andere Seite, die des Crossovers. Der Gendarmenmarkt ist hierfür eine hervorragende Location.

Berliner Morgenpost: Ihre Songtexte sind fast immer in englischer Sprache. Haben Sie in Ihrer Karriere nie darüber nachgedacht, doch auf Deutsch zu singen?

Meine: Nein. Wenn wir es gemacht haben, dann aus Spaß. Es gab 1975 eine "Sweet"-Coverversion, die irgendwann als illegaler Mitschnitt wieder aufgetaucht ist. Es gab Momente, in denen wir uns durchaus gewünscht hätten, mal einen Titel in Deutsch aufzunehmen. Aber lange Zeit haben wir unsere Schallplattenverträge nicht in Deutschland, sondern in den USA abgeschlossen. Wenn ich sagte ,Wir haben da einen witzigen Song, aber mit deutschen Texten', kam als Antwort ,Klaus, it's a nice song, but please with English words'. Bis zum heutigen Tag veröffentlichen wir jedes Album in 40 Ländern rund um die Welt. Und da ist mit deutscher Sprache nichts zu machen. Das ist auch ein Grund dafür, warum von einigen sehr erfolgreichen deutschsprachigen Kollegen keiner einen internationalen Stellenwert hat - außer Rammstein und Falco.

Berliner Morgenpost: Sie haben viele Länder bereist und sind Teil der weltweiten Rockfamilie. Fühlen Sie sich einem Land besonders verbunden?

Schenker: Wir sind Kosmopoliten. Wir haben in der Zeit, die wir im Ausland verbracht haben, viel gelernt. Auch, dass es von einem selbst abhängig ist, was man aus der persönlichen Beziehung, die man zu einem Land hat, macht.