Kunst

"Ich liebe es, im Untergrund zu arbeiten"

Ai Weiwei ist nicht nur einer der berühmtesten chinesischen Gegenwarts-Künstler, sondern in seinem Heimatland auch so etwas wie ein soziales Gewissen. Wegen seiner Kritik am kommunistischen System kann der 53-Jährige nur im Ausland ausstellen. In Berlin schafft er sich jetzt eine Art Ausweichquartier.

Eine Rückzugsmöglichkeit, falls sein Leben oder seine Existenz bedroht sein sollten. Der in China politisch unter Druck stehende Regimekritiker will das Studio auf einem alten Industrieareal in Oberschöneweide aber auch eröffnen, um seinen Tätigkeiten in Deutschland und Europa besser nachgehen zu können. Pläne für einen kompletten Umzug hat Ai Weiwei nicht, sein Atelier in Peking will er behalten. Seit Anfang dieses Jahres laufen die Vorbereitungen für das Studio. Wobei der Begriff kleiner klingt als es die Pläne vorsehen. Auf dem ehemaligen AEG-Gelände, auf dem zu DDR-Zeiten das Kombinat VEB Kabelwerk Oberspree produzierte, will Ai Weiwei vier Hallen kaufen und 4800 Quadratmeter beziehen. Bereits zum Gallery Weekend will er dort am 29. April eine Ausstellung eröffnen. Über seine Pläne in Berlin und die große deutsche Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung", die morgen in Peking startet, sprach Johnny Erling mit Ai Weiwei.

Berliner Morgenpost: Was sagen Sie zur deutschen Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" im neuen Nationalmuseums am Tiananmen-Platz?

Ai Weiwei: Das amüsiert mich.

Berliner Morgenpost: Weil sie am 1. April eröffnet?

Ai Weiwei: Deutschland hat so viel in das größte Kulturaustauschprojekt zwischen beiden Nationen investiert. Auf der einen Seite soll es zeigen, wie es die Europäer vor 300 Jahren schafften, einen ungeheuren Wertewandel in Gang zu setzen. Auf der anderen Seite steht, dass sich China an die Aufklärung bis heute nicht herangewagt hat. Nur Ölbilder darüber darf man bei uns ausstellen, aber keine Debatte führen. Ist das nicht voller Humor?

Berliner Morgenpost: Löst die Ausstellung denn kein Nachdenken aus?

Ai Weiwei: Sie ist wichtig. Aber ich bezweifle, das sie bei uns zur gesellschaftlichen Reflexion über Geschichte, Philosophie, Ästhetik oder Ethik führen kann. Auf der politischen Ebene ist kein Dissens erlaubt. Menschen werden oft für abweichende Ansichten ins Gefängnis gesteckt. Als ob sich China noch im Mittelalter befände. Der Volkskongress hat gerade vor zwei Wochen beschlossen, keine Pluralität bei Leitideen zuzulassen. Einheitlichkeit aber richtet sich gegen Aufklärung.

Berliner Morgenpost: Auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle reist zur Eröffnung der Ausstellung am Freitag an. Erwarten Sie offene Worte?

Ai Weiwei: Wir leben heute in einer globalisierten Welt. Wenn wir unseren Nachbarn nicht mehr sagen können, dass ihr Verhalten grundlegende Wertevorstellungen verletzt, ermutigen wir die jeweilige Regierung, weiter zu machen wie bisher.

Berliner Morgenpost: Werden Sie an der Eröffnung teilnehmen?

Ai Weiwei: Ich glaube nicht, dass es viele gibt, die jemanden wie mich dort sehen wollen. Ich würde das auch als peinlich empfinden. Eigentlich müssten wir uns als Chinesen schämen, über Hunderte Jahre nichts zu den grundlegenden Wertevorstellungen der Menschheit beigetragen zu haben, wie es die Aufklärung getan hat.

Berliner Morgenpost: Mit Ihrer politisierten Kunst haben Sie die Behörden 2008 gegen sich aufgebracht. Wie gehen diese heute mit Ihnen um?

Ai Weiwei: In Shanghai wurde mein Atelier abgerissen. Im März wurde meine Werkausstellung in Peking verboten. Vor meinem Pekinger Atelier sind zwei Überwachungskameras installiert. Mein Telefon wird abgehört, meine Mikroblogs überwacht.

Berliner Morgenpost: Ist das der Grund dafür, dass Sie sich jetzt nach einem Atelier in Berlin umschauen?

Ai Weiwei: Meine Wahl fiel auf Berlin, weil ich mit Deutschland und Europa so viel zu tun habe. Ich habe einen Platz mit unterirdischen Gewölben gefunden, die einst als Bierlager dienten. Ich liebe es, im Untergrund zu arbeiten.

Berliner Morgenpost: Fliehen Sie aus China?

Ai Weiwei: Nein. Ich will mir nur ein zweites Standbein schaffen, wo ich vernünftig arbeiten kann. An einen kompletten Umzug würde ich nur denken, wenn ich oder meine Familie existenziell bedroht werden. Ich bin in China aufgewachsen. Wenn ich weg wollte, wäre ich längst gegangen.