Herbstfestival

Kämpferischer Chevalier zwischen allen Fronten

Im Anfang war Blitz und Donner. Schwarze Wände fahren zur Seite, blau beschienenes Trockeneis wabert, und Robert Lepage steht im schwarzen Lederkampfanzug in der Mitte der Bühne. In wilden Drehungen wirbelt er durch den Raum, sein rot gefärbtes Haar flattert ihm hinterher, und zwei meisterhaft geführte Schwerter durchschneiden die Luft. Ein Stich, ein Schlag, ein Trommelwirbel, und weiße, blaue, rote Scheinwerfer blitzen auf.

Es sind Momente wie diese, die dem 52jährigen kanadischen Wunderkind den Beinamen "Theatermagier" eingetragen haben. Nun wenige bedienen wie er mit derart traumwandlerischer Sicherheit seit Jahrzehnten alle Hebel der Illusionsmaschinerie, um Geschichten zu erzählen, in denen es immer wieder um Visionen, Verwandlungen und Identität geht.

Und auch heute hat er wieder von einem außergewöhnliche Schicksal zu berichten: Held des Abends ist die historische Figur des Chevalier D'Éon, ein französischer Adliger aus dem 18.Jahrhundert, der sich als mutiger Kriegsheld und Spion ebenso virtuos zwischen den Geschlechtern bewegte wie zwischen den politischen Fronten.

Man ist versucht, nach diesem ersten starken Bild einfach in das Stück hineinzugleiten, sich von Lepage in das Reich seiner persönlichen Assoziationen zum Thema Geschlechterdifferenz entführen zu lassen. Doch leider beginnen Rhythmus und Dramaturgie alsbald empfindlich zu ruckeln. Denn Robert Lepage ist nicht allein: Mit der legendären Ballerina Sylvie Guillem und dem britischen Choreographen Russell Maliphant hat er sich vorgenommen, für das zwitterhafte Leben seines Protagonisten eine hybride Form zwischen Tanz und Theater zu entwickeln.

Und genau diese Begegnung dreier Ausnahmekünstler ist die Krux der Produktion. Maliphant und Guillem sind eindeutig nicht daran interessiert, das Stück durch bloße virtuose Tanzeinlagen aufzuwerten. Wer von der ehemaligen Partnerin Rudolf Nurejews ein Feuerwerk technischer Brillianz erwartet, sieht sich alsbald enttäuscht. Hier eine Arabeske, dort ein atemberaubend langes durchgestrecktes Bein, und das war es auch schon.

Auch Russell Maliphant ist mit sehr viel Understatement am Werk: Das hauptsächlich aus Versatzstücken von Schwertkampf oder höfischen Tänzen entwickelte Bewegungsmaterial wird meist beiläufig durchexerziert - ohne damit auf besondere Effekte abzuzielen. Stattdessen versuchen sich die Französin und der Brite mit unterschiedlichem Erfolg in der Disziplin des Sprechtheaters. Während sich Maliphant als anzüglicher Moritatensänger noch recht achtbar schlägt, fehlt es Sylvie Guillem leider an theatraler Präsenz.

Dennoch hat "Eonnagatta", das von allen drei Künstlern gemeinsam entwickelt wurde, auch seine starken Momente. Anstatt die Biographie des Chevalier d'Éon narrativ abzuarbeiten, wird sie in eine Revue suggestiver Bilder aufgelöst: Wenn sich Russell Maliphant aus einer überdimensionierten Frauenfigur im Kimono herausschält, ist dies eine beeindruckende Metapher, die Geburt und Geschlechtertrennung in eines verschmilzt. Auch der Zweikampf zwischen Maliphant und Lepage, der als gealterter Transsexueller seine Fähigkeiten als Schwertkämpfer auf dem Jahrmarkt feilbieten muss, ist von einer rührenden Melancholie. Doch nur ganz selten entfaltet sich eine theatrale Magie wie im letzten Bild des Abends: Während Lepage wie ein Gekreuzigter auf dem Rücken liegt, schwingt über ihm pendelgleich eine Operationslampe hin und her, als gäbe es auch nach dem Tod noch ein Schwanken zwischen den Geschlechtern.