Joachim Meyerhoff

"Ich wollte Hundeblut in meinen Adern"

Als der Applaus langsam verebbt, hat die letzte Stunde vor Mitternacht bereits begonnen. Dem Zuschauerraum des Maxim Gorki Theaters entströmt eine glückliche Menge. Dabei war es ein langer Abend, gut dreieinhalb Stunden, mit Pause.

Aber diese Zuschauer lächeln verzückt, einige schütteln staunend die Köpfe über das, was der Schauspieler Joachim Meyerhoff ihnen da eben aus seinem Leben erzählt hat. Kein Premierenpublikum hat sich hier eingefunden, eher eine bunte Fangemeinde, von jung bis alt, vom Theaterszenegänger bis zum Otto-Normal-Zuschauer, sogar einige Kritiker lassen sich noch mal blicken, obwohl Meyerhoffs ursprünglich in Wien entstandene Solo-Show "Alle Toten fliegen hoch" doch schon ein paar Jahre alt und mittlerweile auf sechs Teile angewachsen ist, von denen der erste gerade auch als Buch erschienen ist. Und vor zwei Jahren war das alles schon zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Aber man nutzt die Gelegenheit gern, dieses Kleinod noch einmal mit seinen Bekannten zu teilen.

Nach seinem Austauschjahr in Amerika und der Kindheit in der Psychiatrie, gedenkt der Burgtheater-Star, der vor seinem Wechsel nach Wien Ensemblemitglied des Gorki-Theaters war, in Teil 3 und 4 seiner Erinnerungs-Lese-Reihe (nächster Termin: 28. April, 19.30 Uhr) nun seinen Großeltern und seinem Vater. Der war Psychiater jener "Bilderbuch-Irrenanstalt" und "wahllos hochgebildet". Für die praktische Umsetzung des theoretisch Ausgedachten war allerdings Mutter Meyerhoff zuständig, egal, ob es sich dabei ums Segeln oder die Selbstversorgung auf dem Lande handelt. "Ich wollte Hundeblut in meinen Adern", beginnt die Anekdote, in der Meyerhoff als Kind seinen geliebten Hund mit einem Frolic in den Keller lockte, um dort heimlich mit ihm Blutsbrüderschaft zu schließen. Woraufhin der Hund, wenngleich etwas zu spät, Reißaus nahm und den neuen Wohnzimmerteppich mit roten Flecken übersäte - eine jener Gelegenheiten, bei denen Vater und Sohn sich darauf verständigten, dieses "kleine Geheimnis" lieber für sich zu behalten. Das Publikum gluckst vor Vergnügen.

"Nie war ich so zerrüttet wie nach ein paar Tagen bei meinen Großeltern", bekennt Meyerhoff und erzählt, wie sie ihre Tage ritualisierten: von den zwei Gläsern Sekt zum Frühstück, über den Weißwein beim Mittag und den 18-Uhr-Whiskey bis zum schweren Rotwein des Abendessens und dem Cointreau danach. Oder wie sie sich jeden Abend auf Kaschmirdecken händchenhaltend zum Musikhören niederlegten und am Ende des Tages auf ihrem Treppenlift würdevoll winkend nach oben entschwanden - zwei "volltrunkene alte Engel".

Während er in seinem Retro-Sessel stets die passenden Getränke zu sich nimmt - Rotwein zum Beispiel - phantasiert Meyerhoff sich die Geschichten zurecht, schmückt aus, spinnt sie auf trocken lakonische Pointen hin. Das Erstaunliche ist, wie nah Meyerhoff dabei das Komische und das Ernsthafte aneinanderzurücken vermag. Er scheut auch die ungebrochen berührenden Momente nicht. Da sinkt das Publikum sehr plötzlich von lautem Lachen in beklommene Traurigkeit, bevor es von einem neuen Witz emporgerissen wird. Meyerhoff schaut ganz ohne Verächtlichkeit auf die schrulligen Besonderheiten seiner Protagonisten, auf ihre kleinen Schwächen und auch die eigenen Peinlichkeiten. So ist dieses Erinnerungs- und Erzähltheater, das den Toten gedenkt, indem es sie im Erzählen wieder lebendig werden lässt, zutiefst empathisch, von Menschenliebe durchdrungen. Ja, das kann glücklich machen.