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Afrika-Projekt im Theater: Der überforderte weiße Mann

Und dann drehen sie durch, die Europäer, die eigentlich den Afrikanern helfen wollten. Der Arzt Thomas Hübner setzt die Säge an, um einem Kindersoldaten den Arm abzunehmen, obwohl der nur leicht verwundet ist.

Aus Rache: Der Junge hat Thomas' Freund Klaus umgebracht. Moritz sticht im Park einen afrikanischen Dealer ab, der ihm Ecstasy - "White Shit for White Shit" - anbot. Aus Wut, weil sein Freund Mehdi abgeschoben wurde.

Die zwei zeitgenössischen Stücke beim Afrika-Projekt des theater 89 - "Lupenrein" von Rafael Kohn und "Letztes Territorium" von Anne Habermehl - zeigen Gutmenschen, deren Weltbild an der Wirklichkeit zerschellt.

In "Lupenrein" reist das vom Hilfswillen beseelte Ehepaar Hübner nach Sierra Leone, in den Bürgerkrieg. Der Arzt Thomas (Bernhard Geffke), anfangs ein idealistischer Intellektueller, zerbirst unter dem Druck. Marianne (Angelika Perdelwitz) hingegen bleibt in Westafrika, um ihr Schulprojekt für Flüchtlingskinder fortzusetzen. Der zynische Pragmatiker Klaus (Alexander Höchst) trinkt, um sein reines Gewissen zu bewahren - und lässt seine Diamantmine von Söldnern verteidigen.

Erzählt ist "Lupenrein" konsequent aus Sicht der Europäer. Überdeutlich ist das Stück des 1980 in Luxemburg geborenen Politikwissenschaftler Rafal Kohn. Die typisierten Figuren bleiben auch in der Uraufführungs-Regie des theater 89-Intendanten Hans-Joachim Frank leblos. Schießereien, eine Vergewaltigung, blutige Hände - die Kriegsgräuel kommen plakativ auf die Bühne. Als Lehr- und Dokumentarstück angekündigt, wird "Lupenrein" durch landeskundliche Einspielungen zum Belehrtheater. Alexander Höchst scheint vor Männlichkeit schier zu platzen. Angelika Perdelwitz hüpft mädchenhaft über die rot ausgelegte Bühne - und lächelt auch an unpassenden Stellen.

Ramsès Bawibadi Alfa - Autor, Theaterleiter und Schauspieler aus Togo, der eigens eingeflogen wurde - zeigt sein Können erst in der Rolle des Mehdi. Anne Habermehls "Letztes Territorium" ist ein genau gearbeitetes Kammerspiel, trotz mancher Klischees glaubwürdiger als "Lupenrein". Habermehl greift die postkolonialen Konflikte an den Grenzen Europas auf und holt das Fremde nach Stuttgart: Mehdi steht plötzlich vor Moritz' Tür. Moritz (Pit Bukowski) und seine Mutter Nathalie (Katrin Schwingel) haben Mehdi im Fuerteventura-Urlaub halb verdurstet am Strand gefunden. Ein algerischer Migrant, mit Schwimmflügeln und dem klaren Ziel, sich hier als Ingenieur zu etablieren. Moritz lässt sich von seinem Gast ausnutzen: Mehdi braucht Geld, "dieser Aldi-Fraß macht mich krank / Ich muss mir Fahrscheine kaufen / Und Klamotten ich sehe aus wie ein Penner". Aufstiegsbewusst ist der Arbeitsmigrant, auf seinen Vorteil bedacht wie Moritz' Vater Gerard (André Zimmermann), der Mehdis Geschichte für die journalistische Karriere nutzt. Zwangsläufig scheitert auch diese Annäherung von Afrika und Europa: Als Moritz beim Klauen für Mehdi erwischt wird, zeigt Nathalie ihn an. Der Sohn sticht zu.

Exemplarisch zeigen die beiden Stücke das Dilemma von den guten Absichten und dem schlechten Handeln. Zur Theater-Trilogie ergänzt hat sie das theater 89 mit zwei Texten des adeligen Abenteurers Antoine de Saint-Exupéry, "Der kleine Prinz" und "Die Wüste".

theater 89 , Torstr. 216, Mitte. Tel. 282 46 56. Termine: Afrika-Trilogie Fr.-So., bis 7. Mai.

"Die typisierten Figuren bleiben auch in der Uraufführung des theater 89 leblos und schematisch"