Winter's Bone

Ein Blick in die waidwunde Seele der Nation

Wir wissen so wenig über die USA. Auch wenn der durchschnittliche Deutsche sich im Kino mehr amerikanische als heimische Filme ansieht, auch im Fernsehen von US-Serien dominiert wird und deshalb das amerikanische Rechtssystem besser kennt als das eigene: Von den Vereinigten Staaten hat er dennoch keine Ahnung.

Denn die Filme, die unser Bewusstsein prägen, sie stammen vor allem von der Ost- und der Westküste. Und sie decken damit vermutlich gerade mal ein Fünftel von dessen Bevölkerung ab. Der Rest aber ist Terra Incognita.

Debra Graniks Film "Winter's Bone", der morgen in unsere Kinos kommt, ändert das auf radikale Weise. Es ist eines der wenigen Werke, das sich diesem "anderen" Amerika widmet. Und man wird danach vielleicht ein bisschen besser verstehen, warum die US-Amerikaner sich kaum um Obamas Gesundheitsreform oder gar das Haushaltsdefizit scheren. Was in den Nachrichten läuft, hat nur sehr wenig mit ihrem Leben zu tun. Diese Menschen sind überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Und mit ihrem schieren Überleben. Dabei führt uns dieser Film nicht etwa an die Periphere, die Außenbezirke, sondern, das ist die Ironie, in die Mitte, in das Herz der reichsten Industrienation der Welt.

Fernab vom amerikanischen Traum

"Winter's Bone" spielt in den Ozark-Mountains im Süden von Missouri. Eine trostlose, öde Landschaft, die ganz den Behausungen und Gesichtern dieser Menschen entspricht, die diesen unwirtlichen Flecken bewohnen. Unter ihnen allerdings weilt eine Ausnahmeerscheinung: die 17-jährige Ree (Jennifer Lawrence), die sich liebevoll und vollkommen selbstlos um ihre Familie kümmert. Der Vater hat Drogen (Crythal Meth) gekocht, saß dafür im Knast und ist seither verschwunden. Die Mutter ist schwer depressiv und tablettenabhängig, eine Folge der Droge wohl auch dies. Sie und die beiden jüngeren Geschwister aber behütet Ree, auch wenn sie kaum Geld hat, um sich über Wasser zu halten. Zur Not bringt man dem zwölfjährigen Bruder eben bei, wie man im Wald Eichhörnchen schießt. Hauptsache, etwas ist zum Essen auf dem Tisch.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt dann noch eine Hiobsbotschaft: Der Vater ist nicht zu einem Gerichtstermin erschienen, die Kaution, die er hinterlegt hat, wird nun eingefordert. Und das ist das kleine, ärmliche Blockhaus sowie das Waldstück, auf dem es steht. Ree bleibt nur eine Woche, um ihren Vater zu finden. Sonst landet sie, mitsamt ihrer Familie, auf der Straße.

Nun beginnt eine Odyssee in die umliegenden, ebenso ärmlichen Behausungen und in die waidwunde Seele der Nation. Hier scheinen alle irgendwie inzestuös miteinander verbandelt. Alle haben sie mit Rees Vater, alle haben sie auch mit Drogen zu tun. Aber der familiäre Gedanke geht nur so weit, wie er von Nutzen ist. Und so stößt Ree überall auf Ablehnung. Wir, die wir uns mit dem Mädchen diesen "Familienangehörigen" nähern, sehen verhärmte, ausgemergelte Typen; wir begegnen kaputten Familien, Kindermüttern, häuslicher Gewalt und allenthalben illegalen Aktivitäten. Kein Gesetz scheint hier zu greifen, auch keine wie auch immer geartete Religion. Hier regiert noch ganz archaisch das Gesetz des Stärkeren. Auch Ree begehrt nicht dagegen auf. Sie will nur die Bleibe für ihre Familie retten. Sie sucht, noch eine Ironie, ihren Vater wie Kopfgeldjäger ihre Opfer im Western: tot oder lebendig. Sehr bald ist es keine Frage mehr, ob der Vater noch lebt, sondern wer ihn getötet hat. Mit ihren insistierenden Fragen, die keiner hören will, bringt Ree ihr eigenes Leben zunehmend in Gefahr.

"Winter's Bone" ist harte Kinokost. Das, was man gern abschreckend mit dem Etikett "Problemfilm" versieht. Es ist der zweite Film der Regisseurin Debra Granik. Sie hat es mit bones und mit brutalstmöglichem sozialem Realismus: Auch ihr Erstling "Down to the Bone" (2004) handelte von einer Frau in der Klemme und vom alles dominierenden Drogenmilieu; jener Film spielte in der Provinz des US-Staates New York und auch dort spiegelte eine winterlich-öde Landschaft, in kargen, spröden Bildern eingefangen, perfekt die Perspektivlosigkeit und Kaltherzigkeit ihrer Bewohner. Ursprünglich sollte auch "Winter's Bone" im Hinterland von New York gedreht werden, aus einem ähnlichen Grund, wie uns das auch beim deutschen Kino immer wieder begegnet: wegen der Steueranreize. Am Ende hat man sich dann doch entschieden, vor Ort zu drehen, wurde vom Autor der Romanvorlage, Daniel Woodrell, der dort aufgewachsen ist, mit der Gegend, den Menschen, ihrem eigentümlichen Idiom und ihrer Musik vertraut gemacht. Keine Sets wurden aufgebaut, echte Armutshütten bildeten die Kulissen, und nicht wenige Anwohner spielten als Laiendarsteller mit. Das alles schafft eine beklemmende Authentizität, der man sich schwer entziehen, die man aber auch nur schwer ertragen kann.

Kein Film, sondern reine Soziologie

Dass man sie überhaupt aushält, ist ein Verdienst der überragenden Hauptdarstellerin. Jennifer Lawrence spielt ihre Ree als eine Mischung aus Unschuld und trotzigem Engel, ein fast überirdisches Wesen, das nie an sich, immer nur an die Geschwister denkt. Das sich schinden und malträtieren lässt und, eine der trübsten Szenen des Films, sogar beim Militär einschreiben würde; weil da 40 000 Dollar Aufnahmehonorar locken. Auch bei den anderen Familien verharrt die Kamera kurz auf Fotos, die Angehörige in Uniform zeigen. Auf diese (und nur auf diese) Weise wirkt die weit entfernte Politik dann doch in diese zerrütteten Heime hinein.

"Winter's Bone", in Sundance und auf vielen anderen Festivals preisgekrönt sowie Oscar- und Golden-Globe-nominiert, ist nicht nur ein lange nachwirkendes Filmdrama, es ist Soziologie in reinstem Sinne. Danach kann keiner mehr sagen, er wüsste nicht, warum die Amerikaner so ticken, wie sie sie es nun mal tun.