Geitels Geschichten

Der einsame Konservative

Es war spät am Abend und meine alljährliche Festwochenparty voll im Gang, da klingelte es, und als ich öffnete, stand Samuel Barber vor der Tür.

Irgendjemand unter meinen Gästen hatte den bedeutenden amerikanischen Komponisten eingeladen, ohne mich darüber zu informieren. Barber stand damals nicht mehr hoch im Kurs. Das junge Amerika hatte ihn zum musikalisch alten Eisen erklärt.

Aber sein Leben lang hatte sich Barber immer geweigert, ins Horn der anderen zu stoßen. Er zog es vor, er selber zu bleiben. Derjenige, den einst Toscanini, nicht gerade ein Freund der Moderne, triumphal uraufgeführt hatte. Wer schon konnte sich damit rühmen, wenn nicht Barber? Gerade das wurde ihm zum Verhängnis. Sein Komponistenkollege und Kritikerfeind Virgil Thomson hatte schon 1938 die amerikanischen Komponisten in drei Kategorien eingeteilt. Die verachtenswerteste war jene, die wie "das kapitalistische Luxussegment und Toscanini-Publikum in schläfriger Zufriedenheit und in stromlinienförmigen Zügen von Beethoven bis Sibelius und zurück reist".

In diese sah sich Barber von Thomson mit kritischem Nachdruck eingereiht. Das hinterließ zwar Schrammen, aber die galt es zu überleben. Barber gelang es. Allerdings machte es ihn zum Einzelgänger unter den Konservativen. Er war ein liebenswürdiger, in sich selbst versunkener Mann. Ich hatte ihn in Spoleto kennengelernt, dem Festspielort seines Freundes Gian-Carlo Menotti, und Menotti, der sich zehn geschlagene Jahre lang erfolgreich gegen jede dortige Aufführung seiner eigenen Werke gewehrt hatte, entschloss sich, Barbers "Vanessa" auf die feine Spoletiner Festspielbühne zu stemmen. Das Werk, auf einem Libretto Menottis basierend, war immerhin nach zehnjährigem Verschweigen alles Neuen von der Metropolitan in New York uraufgeführt worden, was Thomson zweifellos verbittert haben dürfte. Später kam "Vanessa" auch noch bei den Salzburger Festspielen heraus, gewann sich dort allerdings einen gewaltigen Verriss. Toscanini hatte mit dem "Adagio für Streicher", das er auch für die Schallplatte einspielte, Barber den einzig wahrhaft nachhaltigen Triumph eingefahren.

Spoleto war damals außerordentlich anregend, vor allem nachts. Man taumelte, immerfort ungeladen, aber herzlich willkommnen, von Villa zu Villa, von Fest zu Fest. Ausschlafen konnte man später. Die Vormittage waren bis Mittag frei. Ich erinnere mich an entzückende Gespräche, die ich mit Menotti an der Seite des uralten Ezra Pound führen durfte. Ich habe Pound später ehrfurchtsvoll an seinem Grab auf dem Inselfriedhof von Venedig besucht.

Bei mir zuhause war mir Barber weit willkommener als auf der Opernbühne. Er beäugte weniger die übrigen geladenen Gäste als die beiden Picasso-Lithographien an meiner Wand. Die schienen ihn, was Wunder, stärker zu fesseln als jede Unterhaltung. Fraglos hatte er Picasso noch persönlich gekannt.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern